05.04.2020
Predigtimpulse zur Karwoche 2020

von Pfarrer Norbert Endter aus Schweina

Als sie Jesus abführten zum Kreuz, da ergriffen sie einen Mann. Simon aus Kyrene. Der kam gerade vom Feld. Ihm luden sie das Kreuz auf. Damit er es hinter Jesus hertrage. Lukas 23,26

Jesus von Nazareth. Simon aus Kyrene. Soldaten aus Rom. Männer und Frauen aus unseren Gemeinden. Alle spielen sie da mit. In dieser großen Geschichte. Das schauen wir an. Mit wem beginnen wir? Am besten mit uns selbst. Also, wenn ich das höre. Mir vorstelle. Was empfinde ich dabei? Ich spüre Mitleid. Anteilnahme. Mit Jesus. Was hat der denn Böses getan? Garnichts. Im Gegenteil. Kranke Leute wurden geheilt. Durch seine Hände. Keinen einzigen schickte er fort. Und als sie Hunger hatten. Da gab er ihnen Brot. Mehr, als sie essen konnten. Den Traurigen schenkte er Trost. Und den Verzagten hat er von Gott erzählt. Da sind sie von Herzen froh geworden.

Jetzt wird er abgeführt. Zum Kreuz. Angeordnet hat das Pilatus. IBIS IN CRUCEM. Du wirst zum Kreuze gehen. So hat er´s befohlen. Und wenn ein Pilatus das sagt. Da gibt es kein Zurück mehr. Gründe könnte man viele nennen. Und der Hauptgrund? Der ist schnell gesagt. Man wollte ihn nicht. Weg mit diesem Jesus. Den wollen wir nicht.

Und warum? Weil er das Licht war. Finsternis erträgt kein Licht. Die Welt will das Heilige nicht dulden. Sie wehrt sich dagegen. Sträubt sich. Lehnt es ab. Bekämpft es. Bis auf diesen Tag heute. Wir haben unsere eigenen Gesetze. Unsere eigenen Vorstellungen vom Leben. Unsere eigenen Vorlieben. Jesus von Nazareth. Weg mit dem. Laß mich in Ruhe mit dem. Der stört doch nur. Und so steht er da. Einsam. Ausgeliefert. Fremd. Es tut mir leid für ihn. Dann denke ich an die Jahre. Als ich ihn selber nicht haben wollte.  Als ich von ihm nichts wissen wollte.  Ich war nicht besser als die, die ihn hinaus führen zum Kreuz.

Als sie Jesus abführten zum Kreuz, da ergriffen sie einen Mann. Simon aus Kyrene. Der kam gerade vom Feld.
Der Nächste in diesem Spiel. Simon von Kyrene ist sein Name. Das sagt schon, wo er herkommt. Aus Kyrene. Eine alte Stadt. Im Osten von Libyen. Wahrscheinlich mußte er dort weg. Simon aus Kyrene. Ein Fremder im fremden Land. Er kommt gerade vom Feld. Aber nicht sein eigenes Feld. Er besaß ja nichts. Ein Mensch mit leeren Händen. Er wird gearbeitet haben. Als Tagelöhner. Bei reichen Bauern. Auf staubigen Äckern. Für ein paar magere Groschen. Ein klein wenig Brot.  Für sich. Und seine Familie. Von der Hand in den Mund.

Simon von Kyrene. Ein Fremder. Der nicht dazu gehört. Und so trägt er es stumm. Geduldig. Sein eigenes Kreuz. Hart liegt es auf ihm. Aber in großer Hoffnung. Daß es eines Tages besser wird. Leichter wird. Wie bei uns. Wir tragens ja auch. Unser tägliches Kreuz. Jeder für sich. In der Hoffnung. Daß es leichter wird. Eines Tages.

Und jetzt kommt es zur Begegnung. Ihre Wege kreuzen sich. Zufällig? Oder von Gott so gefügt? Hat es sich einfach so ergeben? Oder wurde es herbei geführt? Vom Himmel. Absichtlich. Wer weiß. Jedenfalls kommt es zur Begegnung. Jesus von Nazareth. Zum Fremden gemacht. Weil er nicht dazu gehören soll. Weg mit dem. Und Simon von Kyrene. Der nie dazu gehört hat. Zwei Heimatlose begegnen sich.

Komm her, Jude. Du schleppst dem jetzt das Kreuz. So werden sie gegrölt haben. Die Soldaten. Mit rohen Fäusten herbei gezerrt. Los drunter. Unter den Balken. Mach schon. Beweg dich. Was soll Simon denn tun? Weglaufen? Aufbegehren? Sich sträuben? Geht alles nicht. Also geht er mit Jesus. Die beiden Männer. Die keiner so richtig haben will. Jesus von Nazareth. Und Simon von Kyrene. Ich weiß nicht. Ob sie ein paar Worte wechseln konnten. Wahrscheinlich nicht. Simon war stumm vor Angst. Und Jesus schwieg. Von Schmerzen zerrissen. Durstig. Blutverschmiert. Vielleicht berühren sie sich. Wie zufällig. An Händen und Armen. Blickkontakt. Wie wir das auch tun. Bei Menschen. Die uns nahe stehen. Und wenn sie leiden. Berührung. Mit den Händen. Mit den Augen. Weil sonst nichts mehr geht.

Zuerst hab ich gedacht. Wie gut. Simon hilft Jesus. Trägt mit an seiner Last. Aber je länger ich´s lese. Je länger ich das betrachte. Da bin ich mir nicht mehr sicher. Wer eigentlich wem hilft. Rein menschlich gesehen. Äußerlich gesehen. Stimmt das schon. Simon trägt mit. Das schwere Holzkreuz. Für Jesus. Aber das Wesentliche. Das passiert für Simon von Kyrene. In seinem innersten Wesen. Da geschieht etwas. Wie eine Verwandlung.

Als Simon neben Jesus herläuft. Auf dem Weg hinauf. Zum Kreuzhügel. Da spürt Simon. Ich bin ein Fremder im Land. Das ist wahr. Aber seltsam. Bei diesem Jesus findet mein Herz so etwas wie Heimat. Ein Zuhause. Zu ihm gehöre ich. Zu Jesus gehöre ich. Als würde ein guter Hirte mich führen. Eine gute Autorität mich leiten. Bei ihm fürchte ich mich nicht. Auch wenn wir gerade hindurch gehen. Durch das finsterste Tal. Aber was noch viel größer ist.  Alle meine Tränen und Wunden werden bei ihm geheilt. Gestillt. Und verbunden. Durch diese Jesus – Wunden bin ich geheilt. Oben auf Golgatha. Da zerren die Römer den Simon unter dem Kreuz hervor. Los, hau ab. Verschwinde. Du wirst nicht mehr gebraucht. Geh schon. Und so geht er nach Hause. Zu Frau und Kindern. Jesus von Nazareth. Und Simon von Kyrene. Gekreuzte Wege. Zwei Fremde. Geben einander Heimat. Die Begegnung hat Simons Leben verwandelt. Von Grund auf. Und warum? Weil er mit seinem kleinen Kreuz unter das große Kreuz Jesu gekrochen ist. Das war seine Rettung.

Viel mehr muß ich nicht sagen. Nur das Eine noch. Wenn wir an das Kreuz denken. Das jeder Einzelne zu tragen hat. Eigene Not und Verlorenheit. Was sollen wir denn tun? Abschütteln? Wegwerfen? Das geht ja nicht. Ich will es so tun wie Simon von Kyrene. Ich nehme mein Kreuz. Und stell mich unter das von Jesus. Geh mit ihm. Und er mit mir. Das finde ich sehr tröstlich. Wer soll uns denn sonst retten? Befreien. Erlösen.

Simon von Kyrene. Der Fremde. Der bei Jesus Heimat fand. Der Einsame. Der seinem guten Hirten begegnete.  Der Hoffnungslose. Der bei Jesus Zuversicht bekam. Ich finde. Das ist eine sehr schöne Geschichte. Aufgeschrieben in der Bibel. Für uns. Weil wir ja auch mitspielen. Und weil wir auch Rettung finden sollen. So wie Simon. Gerettet. Getröstet. Und beschützt. Durch Jesus Christus. Er hat es vollbracht. Ja, es ist vollbracht.