29.03.2020
Predigtimpulse vom 29. März 2020

Predigtimpulse zum aktuellen Predigttext – vom Sonntag, 29. März 2020 (Judika) – aus unterschiedlichen Sichtweisen von Pfarrerin Franziska Freiberg aus Dorndorf und Pfarrerin Silke Wöhner aus Dermbach.

Predigtimpuls Judika 29. März 2020 von Pfarrerin Franziska Freiberg, Dorndorf
Hebräer 13,12-14

Jesus hat gelitten, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor, So lasst uns nun hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Und plötzlich stehe ich draußen.

Draußen vor der Kirchentür, die verschlossen bleibt zum gemeinsamen Gottesdienst feiern.

Draußen vor den Haustüren derer, die ich so gerne besuchen wollte.

Ich stehe vor verschlossenen Türen von Kinos, Restaurants, und Friseurläden.

Ich bin raus aus meinem ganz normalen Leben und wie mir geht es allen Menschen.

Komisch wie sich die Perspektive in wenigen Wochen verändert hat. Jetzt kommen in den Nachrichten nicht mehr Bilder von irgendwelchen fremden Menschen, in irgendwelchen fremden Ländern, die eine Katastrophe nach der anderen erleben. Jetzt sind wir in den Nachrichten. Jetzt ist das, was berichtet wird nicht tausende Kilometer weit weg, sondern es kommt uns hautnah.

Wegschalten hilft nicht, denn die Angst ist bei vielen schon zum Begleiter geworden.

Angst, die anderen nicht mehr zu sehen, nicht ausreichend versorgt zu werden, nicht genug zu haben, wirtschaftlich ans Ende zu kommen. Angst vor dieser unsichtbaren Krankheit, die so viele Fragen offen lässt.

Dem alles ist möglich unserer Welt, hat sich auf einmal ein großes NICHT in den Weg gestellt. Was vor zwei Wochen noch selbstverständlich gewesen ist, ist heute nicht mehr erlaubt. Und noch kann keiner sagen, wie lange dieser Zustand anhalten wird.

Draußen zu sein macht mich ungewöhnlich still und es verunsichert mich. Ich bin zurückgeworfen auf mich und anstatt immer zu tun und zu machen, kreisen die Gedanken in meinem Kopf was werden wird, was ich tun kann.

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Er steht draußen. Draußen vor den Toren der großen Stadt, die ihn einst jubelnd empfangen hat. Die Seinen haben sich abgewendet und vor ihm liegt der Weg nach Golgatha. Verlassen, mit dem Kreuz auf der Schulter wird er gedrängt den letzten Weg zu gehen. Auf der Schädelstätte erwartet ihn der Tod.

Er steht draußen vor den Toren und ich frage mich, wie das wohl gewesen sein muss für ihn. Wie sich das angefühlt hat, plötzlich allein zu sein, nachdem er jahrelang oft freudig empfangen wurde und die Massen zu ihm drängten.

Ob Jesus einsam war, da draußen vor den Toren? Ob er Angst hatte vor dem was auf dem Berg Golgatha drohte? Ob ihn das draußen sein auch still gemacht hat und ihn verunsicherte?

Und ich stelle ihn mir vor, wie er da steht, geschlagen und verurteilt. Die Welt ist fertig mit ihm und er ist draußen. Am Ende seiner Kräfte, aber nicht am Ende seiner Hoffnung.

Jesus geht trotzdem seinen Weg ins Ungewisse. Denn was kommt, weiß er nicht. Vor den Toren Jerusalems weiß er noch nichts davon, dass er leben wird, dass er auferstehen wird. Ostern ist in diesem Moment in weiter Ferne.

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An Tagen wie diesen merke ich einmal mehr, wie fragil das Leben ist. Wie wenig es eigentlich braucht um unsere vermeintlichen Sicherheiten und Freiheiten aus den Angeln zu heben. Auf welch tönernen Füßen unser Drang zur Selbstverwirklichung steht.

Und ich merke auch, wie wichtig Zuversicht ist.

Eine Zuversicht, die die Realität ernst nimmt und die mich dazu auffordert persönlichen Einsatz zu zeigen. Corona ändert die Perspektiven – wir sind raus aus unserem normalen Leben. Fürsorgliche Rücksichtnahme ist gefordert und damit eine erhebliche Einschränkung der gewohnten Selbstverwirklichung.

Freiheit bedeutet eben auch die Freiheit, zu verzichten. Sich darauf zu konzentrieren, was andere brauchen.

Jesus geht den Weg, den er gehen muss. Er geht ihn in dem Wissen, wie schwer es wird und ahnend was am Ende steht. Und doch geht er ihn in der Zuversicht, dass sein Vater, das Gott ihn nicht verlassen wird. Die dunkelste Stunde ist noch nicht gekommen. Vor den Toren der Stadt, abseits vom pulsierenden Leben, geht er seiner dunklen Zukunft entgegen.

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Das hilft mir beim draußen sein, dass ich nicht alleine bin. Dass mein Gott einer ist, der das Draußen kennt, der das Leiden kennt und die Angst. Und dass ich heute schon weiß, dass es Ostern werden wird, dass das Leben siegt.

Ich glaube die Erfahrungen dieser Tage werden etwas mit uns machen. Uns entschleunigen und uns wieder auf das verweisen, was wirklich wichtig ist. Auf Familie und Mitmenschlichkeit. Auf Hoffnung und Glauben. Auf die Schönheit, die um uns ist und auf die Macht die in allem pulsiert und wirkt.

Es ist eine schwere Zeit. Keiner weiß, wie lange sie dauert. Wieviel uns noch genommen wird und welche Kräfte wir noch brauchen. Aber ich hoffe und vertraue darauf, dass Gott es gut machen wird mit uns. Dass er es Ostern werden lässt. Das wird nicht in zwei Wochen sein, aber vielleicht in zwei Monaten.

Bis dahin gehe ich mit meinem Gott: Bereit zum Loslassen. Ängstlich gespannt und doch zuversichtlich. Ich weiß, es wird Ostern werden für mich und für euch. Es wird Zukunft geben bei und mit Gott.

Jetzt heißt es gehen und zuversichtlich sein: Die nötige Distanz wahren und trotzdem füreinander zu sorgen. Einander schreiben, telefonieren und die Einsamen nicht vergessen. Zusammen von Balkon zu Balkon zu singen. Kerzen der Hoffnung leuchten lassen. Und vor allem: Beten und Festhalten an dem, der es Ostern werden lassen wird.

Und vielleicht zählt gerade nichts anders. Amen.

 

Predigtimpuls Judika 29. März 2020 von Pfarrerin Silke Wöhner, Dermbach
Hebräer 13,12-14

Hebräer 13,14-16 (Neue Genfer Übersetzung)

 Denn hier auf der Erde gibt es keinen Ort, der wirklich unsere Heimat wäre und wo wir für immer bleiben könnten. Unsere ganze Sehnsucht gilt jener zukünftigen Stadt, ´zu der wir unterwegs sind`. Durch Jesus nun wollen wir Gott ein immerwährendes Dankopfer darbringen: Wir wollen ihn preisen und uns zu seinem Namen bekennen.  Und vergesst nicht, Gutes zu tun und einander zu helfen! Das sind die Opfer, an denen Gott Freude hat.

Wir haben hier keinen Ort, an dem wir für immer bleiben können, lesen wir im Hebräerbrief. Das ist erstmal gar nicht so einfach, nicht mehr dem Alltag nachzugehen, wie ich ihn bisher kenne. Aber, ich habe es mir und meiner Familie doch auch ganz schön gemacht, zu Hause. Gerade jetzt in der unverhofft freien Zeit. Fenster geputzt, den Kleiderschrank ausgemistet, vielleicht frisch gestrichen, ein neues Rezept ausprobiert und nun wartet noch der Garten …

Auf jeden Fall haben sich doch die meisten von uns „eingerichtet“. Nicht nur im Bezug auf ihre Inneneinrichtung. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Beruf, in ihrem Familienleben, in ihren alltäglichen Abläufen. Aber dort will der Schreiber des Hebräerbriefes uns irgendwie nicht haben. Er schickt uns auf einen Weg. Die Verse des Predigttextes stehen am Ende des Hebräerbriefes und weisen die Leser noch einmal darauf hin, worauf es ankommt beim Christ-Sein.

Da steht, dass wir als Christen unterwegs sind. Unterwegs zu einer zukünftigen Stadt. Unterwegs durch das Leben zu einem Ziel. Aber egal, wann ich dieses Ziel erreiche, ist es doch ein hoffnungsvolles Ziel – das Ende, an dem bei Gott alles gut sein wird.

Für diesen Weg gibt uns der Hebräerbrief noch zwei Orientierungshilfen an die Hand.

Erstens: Vergesst Gott nicht. Haltet an ihm fest. Bekennt euch zu ihm. Denn er hat uns seinen Sohn Jesus Christus gegeben. Dieses Geschenk hat Gott UNS gemacht. Jesus hat sein Leben hingegeben für uns.
In der Passionszeit schauen wir besonders auf zum Kreuz und es erinnert uns daran, dass durch Jesu Leiden und seine Auferstehung, der Weg frei ist. Alles, was uns daran hindert den Weg zu Gott zu gehen, hat Jesus weggeräumt.

Zweitens: Vergesst nicht Gutes zu tun und einander zu helfen! Christliches Leben ist nämlich zweierlei: Glauben und handeln. Wir sind eine Gemeinschaft, die zusammengehört und sich gegenseitig hilft. Dieser Text ruft das wieder in Erinnerung. Handelt auch als Christen! Helft einander ganz praktisch, betet füreinander, stärkt euch gegenseitig!

Wir sind unterwegs, auch wenn wir gerade meist nur in unserer Wohnung sitzen. Wir sind unterwegs auf dem Weg, den Jesus uns ermöglicht hat. Zwei wichtige Dinge im Gepäck: Festhalten an Gott und Hilfsbereitschaft gegenüber unserem Nächsten.

Schweigen müss‘n nun die Feinde vor dem Sieg von Golgatha,
die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja!
Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu,
ja wir dienen dir von Herzen. Ja, du machst einst alles neu!

(EG 93,4)