03.05.2020
Predigtimpulse am 3. Mai

Gedanken zu Joh 15, 1 – 8 (Jubilate) – aus unterschiedlichen Sichtweisen von Pfarrer Eckhart Friedrich aus Kaltenwestheim und Pfarrer Norbert Endter aus Schweina

Predigtimpuls von Pfarrer Eckhart Friedrich, Kaltenwestheim

Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht.
(Joh 15, 1 – 8)

Liebe Leserinnen, liebe Leser, was ist ein Fruchtbares Leben? Diese Frage wird auf unserer Erde tag-täglich millionenfach, ja milliardenfach von Menschen in Ihrer Lebensführung zu beantworten gesucht, und zwar sicherlich oft, ganz ohne die Frage selbst eigentlich gestellt zu haben. Wir beantworten diese Frage in der Regel ganz alltäglich, ganz praktisch, im Vollzug unseres gelebten Lebens.

Aber es gibt Zeiten in unserem Leben, da werden solche Fragen mit einem Mal drängender und rufen nach einer ausdrücklichen Antwort: Wenn ich mich etwa mit Anfang oder Mitte 50 mit einem Mal frage: „Was habe ich eigentlich erreicht in meinem Leben? Was ist aus mir geworden und was kann noch aus mir werden?“ Für so manchen/ so manche resultiert aus diesen Fragen eine „midlife crisis“, die sie für Monate oder gar Jahre  erschüttern kann. Immer wieder erlebe ich aber auch, wie Menschen anlässlich großer Jubiläen – etwa der goldenen oder diamantenen Hochzeit – mit dieser oder ähnlichen Fragen auf ihr Leben gern zurückblicken, einfach weil es schön ist, die Früchte des eigenen Lebens noch einmal wie von einer hohen Warte aus rückblickend vor sich vorüberziehen zu lassen. Junge Menschen hingegen haben das Privileg, sich solche Fragen – oft noch ohne Kostendruck – im Entwurf und im süßen Träumen selbst zu beantworten: Was wäre für mich ein fruchtbares Leben? Wer möchte ich sein? Wo möchte ich hin? Aber auch unabhängig von den großen Schwellensituationen in unserem Leben: Wer plötzlich stecken bleibt oder gar absichtlich von anderen ausgebremmst wird, gerät ebenfalls leicht in den Strudel solcher, dann aber oft nur sehr schmerzhaft zu beantwortenden Fragen an das eigene Leben.

Die Worte Jesu, “wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht“, können uns in der einen wie in der anderen Situation eine, wie ich meine, erstaunlich gute Orientierungshilf für unseren Gang durch das eigene Leben sein, zielen sie doch – dafür steht die Person Jesu selbst, der sich uns hier als die lebendige Quelle aller Antwortsuche auf die Frage nach einem fruchtbaren Leben vorstellt – nicht auf Vergleich, sondern auf das Herz eines jeden einzelnen Menschen. Die fruchtigen Trauben am Weinstock Jesu sind sicherlich nicht Ruhm, Verdienst, Reichtum und Güter oder was sonst auf der Haben-Seite zu verzeichnen sein könnte. Seine Rede zielt auf all das, worum es ihm immer ging: „Mitmenschlichkeit“, „Nächstenliebe“, „Hingabe“, „den Weg der Versöhnung“ – mit anderen, aber auch mit mir selbst und mit meinem eigenen Leben. „Am Ende aber bleiben „Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Lebensbilanzen sind ohnehin schwer zu ziehen. Denn wer weiß schon genau, was uns und andern zum Schaden wurde oder zum Besten diente? Das trifft auch für den Glauben selbst zu. Schließlich: Wer ist sich seines Glaubens schon so ganz sicher?  Eine Frau im Pflegeheim etwa: Sie hat viel Zeit, um nachzudenken, was gut und was weniger gut lief in den vergangenen 90 Jahren. In ihrem Zimmer hängt ein Bild der Barlachfigur vom ungläubigen Thomas, dem Jünger Jesu, der die Kreuzigungsspuren am Körper des Auferstandenen berühren musste, um glauben zu können. »Dieses Bild begleitet mich schon mein ganzes Leben«, sagt sie. »Oft war ich der Thomas.« Trotzdem ist sie treu geblieben, auch im Zweifel dem Glauben treu geblieben.
Wichtig bleibt die Einsicht: Wir sind nicht allein bei all den Versuchen, Frucht zu bringen. Das Bild vom Weinstock war nie für einen allein bestimmt, sondern ist ein Bild für eine Gemeinschaft: Ein Gärtner, ein Baum, aber viele Triebe, viele Ver¬suche, viele Menschen, die sich gegenseitig unterstützen können. Ge¬meinsam können sie Orte und Momente aufspüren, an denen Worte wie „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“ und „Fürchtet euch nicht!“ oder „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“ zu Hause sind: Sonntags im Gottesdienst. Im Alltag beim Gespräch am Grill auf dem Kindergar¬ten-Sommerfest oder beim Seniorenbesuch oder der Hausaufgabenhilfe für Flüchtlinge, beim Konfirmandentreffen oder im Klassenzimmer.
Amen

 

Predigtimpuls von Pfarrer Norbert Endter, Schweina

Jesus sagt: Ich bin der Weinstock. Ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt  und ich in ihm,  der bringt viel Frucht.  Denn ohne mich  könnt ihr nichts tun. 

(Johannes 15,5)

Ich sehe Jesus vor mir als Wanderprediger. Immer unterwegs. Von Ort zu Ort. Aber nicht allein. Es waren immer welche bei ihm. Jünger hat man sie genannt. Man könnte auch sagen Schüler. Und was machen Schüler? Was machen Jünger? Sie wollen lernen. Begreifen. Haben tausend Fragen auf dem Herzen. Sprechen mit ihrem Meister. Mit ihrem Lehrer. Bis sie verstanden haben.

Eines Tages kam die Frage auf: Wie ist das eigentlich mit dem Glauben? Mit dem Gottvertrauen? Wie funktioniert denn das? Wie soll man glauben und vertrauen in einer hektischen und gefährdeten und aufgewühlten Welt? Da hat ihr Meister gesagt: Los, steht auf. Kommt mit. Ich zeig es euch. Sie erheben sich. Und er führt die Truppe in einen Weinberg. Südhang. Sonnenverwöhnt. Dann bleibt er mit ihnen stehen. Seht genau hin. Was erkennt ihr? Süße, fette Trauben sehen sie. Saftig und verlockend. Bezaubernd schön.

Dann lenkt Jesus ihren Blick auf den Weinstock und auf die Reben. Seht genau hin. Rebe und Weinstock sind fest verwachsen. Sind in Kontakt. Im treuen Austausch. Lebendige Kommunikation. Vertrauensvolle Beziehung. Da fließt das volle Leben durch. Und die Folge davon? Der Ertrag davon? Sind süße, verführerische Trauben. Zum Reinbeißen schön. Und noch was. Dürft ihr niemals vergessen. Der Weinstock bin ich, sagt Jesus. Im Bild gesprochen. Und die Reben? Seid ihr. Alles klar? Jetzt müßtet ihr eigentlich begriffen haben, was Glaube bedeutet. Wie Gottvertrauen funktioniert.

Glaube ist Kommunikation. Ist Austausch und Gebet und Dranbleiben mit langem Atem. Bleibt in meiner Nähe, sagt Jesus. Wenn es euch gut geht. Damit ihr nicht abhebt und stolz werdet auf eigenes Tun. Bleibt in meiner Nähe, wenn ihr schmerzliche Niederlagen einstecken müßt. Damit ihr nicht verzagt und ängstlich werdet. Bleibt in meiner Nähe. Nehmt meine Gebote ernst. Lauft nicht weg. Damit mein Leben ungehindert zu euch kommt. Auferstehungsleben in voller Dosis. Habt ihr verstanden? Fragt Jesus seine Schüler. Und merkt euch das! Glaube ist lebendige Kommunikation zwischen dir und mir. Auf direktem Wege. Mit anderen zusammen. Im gleichen Geist. Ihr braucht dazu keinen professionellen Vermittler.

Das haben die Jünger verstanden. Sie freuen sich darüber und ziehen weiter mit ihrem Meister. Bleiben in seiner Spur. Weinstock und Rebe. Jesus und ich und wir. Direkte Kommunikation. Kontakt zum österlichen Leben. Er lebt. Und wir sollen auch leben. Klingt nicht schlecht.

Danke und Amen.

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Dazu gibt es ein wunderschönes Lied auf YouTube.
Because He Lives (Amen) | West Coast Choir
https://www.youtube.com/watch?v=-LwBqG7uXbY