21.05.2020
Predigtimpuls zu Christi Himmelfahrt

von Pfarrerin Franziska Freiberg aus Dorndorf

Wenn man kleine Kinder fragt wo denn der liebe Gott wohnt, bekommt man häufig die Antwort, dass er im Himmel ist. Diese Behauptung kommt nicht von ungefähr. Denn vor allem die Wolke galt viele Jahrhunderte lang als Erscheinungsbild Gottes. Und auch im Vater unser, beten wir zum Vater im Himmel.

Heute an Himmelfahrt, bekommen wir es nun ganz direkt mit dem Himmel zu tun.

Der Auferstandene kehrt endgültig zurück zu seinem Vater. Die Jünger können nur staunen und sie werden ihrem Herrn noch lange nachgesehen haben, wie dieser in den Wolken verschwindet. So lange, dass sie irgendwann nur noch in das Blau des Himmels starrten, verwundert über das was da geschehen ist. Faszinierend muss das gewesen sein.

Wann haben sie eigentlich das letzte Mal ausgiebig in den Himmel geblickt? Die Wolken beobachtet oder Sternbilder gesucht? Wann hatten sie das letzte Mal Zeit für einen bewussten Blick nach oben?

In England gibt es einen Verein, der sich viel Zeit für diesen Blick nimmt. Die Vereinigung der Wolkenfreunde sammelt Bilder von außergewöhnlichen Wolkenformationen. Aber was fasziniert die Menschen an diesen Gebilden, warum blicken über 31 000 Wolkenfreunde regelmäßig, stundenlang in den Himmel? Was macht den Blick nach oben für uns Menschen so anziehend?

Vielleicht ist es die Neugier nach Entdeckungen. Welche Wolkenformation kann man erkennen, welche Sternbilder sind zu sehen?

Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Freiheit, die, glaubt man dem Sänger Reinhard Mey, über den Wolken ja grenzenlos sein soll.

Vielleicht ist es der Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit.

Wer von ihnen schon einmal in den Himmel geblickt hat kennt das Gefühl, dass sich dabei oft einstellt. Im Anblick des schier unendlich erscheinenden Firmaments wird man selber ganz klein. So klein, dass auch die Ängste und Sorgen für einen Moment schrumpfen können.

Vielleicht ist es auch eine Suche, nach dem eigenen Glück, nach der eigenen Bestimmung, nach dem Sinn des eigenen Lebens- kurz eine Suche nach dem eigenen Himmel.

Der hell erleuchtete Himmel des emporsteigenden Christus und unsere Suche nach dem ganz persönlichen Himmel scheinen auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun zu haben. Was sollte die Geschichte von der Himmelfahrt auch mit dem eigenen Leben in diesem verrückten Jahr 2020 verbinden?

Der Predigttext des heutigen Tages gibt uns vielleicht einen Hinweis. Es handelt sich um die Abschiedsworte Jesus aus dem Johannesevangelium, die er in Form eines Gebetes an seinen Vater richtet:

„Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“

Es handelt sich bei diesem Text nicht nur um ein Gebet, vielmehr ist es eine Fürbitte die Jesus dort spricht. Und das Erstaunliche ist, dass es eine Fürbitte für uns ist. Für sie und für mich und für all jene die noch kommen werden. Wir sind die, die durch das Wort, durch die Verkündigung des Evangeliums an Jesus glauben. Wir sind die, die Jesus auf den Weg schickt.

Der Inhalt der Fürbitte klingt einfach, ja für manchen Hörer vielleicht sogar flach. Jesus bittet um die Einheit seiner Nachfolger. Die Einheit, sie soll zum Zeichen des gelebten Glaubens werden.

Nun wissen sie aber alle selber, dass das mit der Einheit so eine Sache ist. Nicht nur die Trennung der Kirche in verschiedene Konfessionen, sondern auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, die häufig durchaus konfliktreich sind, sprechen gegen die gewünschte Einheit. Und in den letzten Wochen wird auch die Einheit unserer Gesellschaft mehr und mehr auf die Probe gestellt. Viele unterschiedliche Meinungen und Strömungen sind in der Luft. Die Stimmung ist aufgeheizt und vielleicht geht es nicht nur mir so, dass ich manchmal gar nicht weiß wie ich mit all dem umgehen soll und wie ich diesen Menschen begegnen kann. Wie ich den Verschwörungstheorien und Coronaleugnern gegenüber treten kann.

Als Menschen wünschen wir uns eigentlich Harmonie, wir möchten gerne wie ein Herz und eine Seele zusammen leben, aber häufig kommt es doch zu großen und kleinen Meinungsverschiedenheiten. In der Gesellschaft, der Familie, in der Ehe, in einer Freundschaft und eben auch in der Kirche. Und je näher man einem Menschen steht oder umso persönlicher das Thema ist, desto mehr fliegen manchmal die Fetzen.

Die Bitte Jesu ist keine Bitte um Vermeidung von Konflikten, so wenig, wie Jesus selber notwendigen Konflikten aus dem Wege gegangen ist. Aber es ist eine Bitte darum, dass es uns gelingt mit unseren Konflikten zu leben. Dass alle eins sind, heißt, dass sie auch bei allen Unterschieden wissen, dass sie zusammen gehören. Auch in diesem Sinne dürfen wir leben in der Nachfolge des Herrn. Bereit für Konflikte in der Sache mit Freunden, aber auch bereit zur Versöhnung um der Liebe Gottes Willen.

Letzten Endes geht es um den Wunsch nach intakten Beziehungen, zu sich selbst, zu andern und schließlich auch zu Gott. Zu funktionierenden Beziehungen gehören natürlicherweise Konflikte, aber auch die Versöhnung. Wer eine lange Partnerschaft oder Ehe führt kann von Höhen und Tiefen berichten, von Streitigkeiten und Krisen und vom Verzeihen und lieben. Und wahrscheinlich wird er auch davon erzählen können wie wichtig die Höhen für die Tiefen und die Tiefen für die Höhen waren.

Doch wir führen nicht nur Beziehungen zu anderen Menschen, wir haben auch ein Verhältnis zu uns selber. Und hier geht es auch nicht immer harmonisch zu, Phasen des Glücks und der Selbstsicherheit werden abgelöst durch sogenannte Lebenskrisen. Auch hier ist es nötig sich zu verzeihen und wieder eins mit sich zu werden. Nur wenn wir mit uns im Reinen sind, können wir auch eine Beziehung zu anderen aufbauen.

Und schließlich gibt es da noch die Beziehung zu Gott. Eigentlich ist das eine Beziehung die wir immer haben, nur manchmal sind wir uns dessen nicht bewusst. Manchmal ist der Zweifel größer als das Vertrauen, manchmal geht es uns so schlecht, dass wir den Glauben verlieren. Aber Gott ist immer da, daran dürfen wir auch im Verzweifeln festhalten.

Einigkeit ist nicht leicht zu haben-egal ob die innere Einigkeit, die Einigkeit mit unseren Mitmenschen oder die Einigkeit mit Gott. Sie verlangt Mühe und Anstrengung, den Mut zu Konflikten und die Bereitschaft zur Versöhnung.

Wenn Beziehungen gelingen, wenn wir eins werden und sind, dann ist das ein großes Glück. Unser Leben ist auf Beziehungen aus, dass weiß Jesus als er für unser eins sein bittet. Und vielleicht liegt genau da, in intakten Beziehungen zu uns, zu anderen und zu Gott, unser persönlicher Himmel. Wer mit sich und der Welt einig ist, der wird auch mit Gott eins werden.

Ein gelingendes Leben, auch mit Höhen und Tiefen, ist in vielen Momenten und im Rückblick gleichzusetzen mit dem eigenen Himmel.

Leichter wird es deswegen nicht, den eigenen Himmel zu finden, denn wie gesagt, Einigkeit ist nicht leicht zu haben. Aber wir sollten nicht vergessen, dass Jesus selbst uns seine Hilfe zusagt, indem er für uns bittet. Wir heute, genauso wie schon die Jünger damals, werden gestützt durch die Fürbitte Jesu beim Vater. Er wird unserem ehrlichen Bemühen um Einheit seinen Beistand nicht versagen. Er ist uns nah an jedem Tag, in jeder Minute unseres Lebens. Und ganz besonders wo es uns schwer fällt, die Einigkeit, die er uns aufgegeben hat, zu erhalten. Da gibt er uns, wenn wir ihn nur bitten, die Kraft, das Richtige zu reden und zu tun, das unsere Beziehung zu uns und anderen stärkt, fördert und heilt.

Und bis wir unseren eigenen Himmel gefunden haben, kann der Blick in das Firmament nicht schaden. Um zu entdecken, um zu suchen, um zu staunen oder um ein bisschen Abstand von sich und der Welt zu bekommen.