19.04.2020
Predigtimpuls für den Sonntag Quasimodogeniti, 19. April 2020

Aus unterschiedlichen Sichtweisen von Pfarrer Alfred Spekker aus Frankenheim und  Pfarrer Norbert Endter aus Schweina.

Predigtimpuls von Pfarrer Norbert Endter aus Schweina

(Jesaja 40, 26-31)

Die dem HERRN entgegensehen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. Daß sie auffahren. Mit Flügeln. Wie Adler. Auffahren. Abheben. Fliegen. Schweben. Das haben wir gemacht. Immer wieder. Jedes Jahr. Als Kinder. Auf Rhönwiesen. Im Herbstwind. Im Oktober. Wir sind nicht selber geflogen. Nicht selber abgehoben. Aber unsere Drachen. Die haben wir in den Wind geworfen. Und der hat sie hoch getragen. Weit nach oben. Bis fast zu den Wolken. Unsere Blicke sind ihnen gefolgt. Und dann war es so in unserer Seele. Als würden wir selber fliegen. Abheben. Schweben. Unendlich frei. Im Herbstwind. Auf Rhönwiesen.

 

Die dem HERRN entgegensehen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler. Das gehört wesentlich dazu. Zu meinem Glauben. Zu meinem Gottvertrauen. Nicht nur feierliche Ernsthaftigkeit. Nicht nur steife Christenpflicht. Nicht nur kirchliche Ehrwürdigkeit. Und schwarzer Talar. Auch das Andere. Leichtigkeit. Ausgelassene Freude. Neue Gedanken wagen. Und nicht länger unterwegs sein auf gewohnten, festgetrampelten Pfaden. Frei werden. Im Innersten. Auffahren mit Flügeln. Wie Adler. Die schwingen sich auf und kennen keine festgefügten Wege.

 

Damals. Als Kinder. Beim Drachenfliegen. Im Herbstwind. Mit dem Blick zum Himmel. Wo Gott wohnt. Drachenfliegen geht am besten zu zweit. Einer rennt vorneweg. Mit der Schnur. Einer rennt hinterher. Mit dem Drachen. Wenn es schnell genug ist. Läßt man los. Dann packt ihn der Wind. Und der Flug beginnt. Zu zweit geht es am besten. Auch im Glaubensleben. Am besten zu zweit. Mindestens. Oder mehrere. Oder noch besser ganz viele. Keinesfalls alleine. Ein Gebet in der Gruppe. Im gleichen Geist. Wenn man sich einig ist. So ein Gebet. Das hat Kraft. Steigt nach oben. Hinauf zum Himmel. Zu Gottes Thron. In Gottes Ohr. Oder der Austausch. Über ein Bibelwort. In der Gruppe. Im gleichen Geist. Der Austausch. In Glaubensdingen. Ist für mich  Kraftquelle, Wärmestube. Stärkt das Immunsystem. Macht Atemwege frei.

 

Die dem HERRN entgegensehen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler. Oder wie der Drache. Auf Rhönwiesen. Im Herbstwind. Er wird gesteuert. Mit einer langen Schnur. Man läßt sie langsam los. Runter von der Rolle. Und immer ein Stück nachgeben. Aber zugleich. Ein leichter Zug nach unten. Beides. Wie es gerade dran ist. Das muß man heraus finden. Los lassen. Und nach unten ziehen. Dann bleibt der Drache im Wind. Gewinnt Höhe. Kommt dem Himmel näher. So ist es ja auch im Leben. Dieses Auf und Ab. Aufsteigen. Schweben. Leichtigkeit. In den frohen Tagen. Aber auch das Andere. Der Zug nach unten. In schweren Stunden. Leidvolles. Schmerzen. Niederlagen. Das wechselt sich ab. Ständig. Wie beim Drachenflug. Ein Leben lang. Ich will nicht verzagen. Will es tapfer tragen. Dieses Auf und Ab. Im Glauben. Denn ich weiß ja. Gott ist da. Der hält meine Schnur. Er dosiert den Zug. Manchmal loslassen. Und aufsteigen. Bis zum Himmel. Und manchmal nach unten ziehen. Gott weiß, was jetzt dran ist. Für mein Leben. Er behält die Kontrolle. Auch in diesen Tagen. Ich will ihm vertrauen. Er macht keine Fehler. Da bin ich sicher. Ich stürze nicht ab. Er hält mich auf Höhe.

 

Die dem HERRN entgegensehen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren  mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. Drachen fliegen. Als Kinder. Im Herbstwind. Nach einer gewissen Zeit. Da haben wir die Schnur eingerollt. Das Spiel war aus. Zu Ende. Vorbei. Auch unser Dasein. Eines Tages wird sie eingerollt. Die Schnur unseres Lebens. Es ist nicht unendlich. Nicht hier auf Erden. Wir sind begrenzt. In der zeitlichen Existenz. Wir sterben. Vergehen. Der kommende Herbst wird es uns zeigen. Abgeerntete Felder. Blätter fallen. Nebel steigen. Die Temperatur fällt. Eingerollte Schnur. Wir holten als Kinder den Drachen vom Himmel. Dann haben wir ihn heimgetragen. Ganz vorsichtig. Bis zum neuen Flug. Im nächsten Jahr. Heimgetragen. Das werden wir auch. Eines Tages. Wenn es hier zu Ende geht. Heimgetragen. Ins Haus des Herrn. Für immer. Da will ich bleiben. Und hoffen auf einen neuen Flug. In der neuen Welt. Im neuen Leben. Im Licht. Auferstehung. Im österlichen Zuhause.

 

Noch ein Gedanke zum Schluß. Beim Drachenfliegen. Ganz wichtig ist der Knoten. Weil er Schnur und Drachen verbindet. Das muß eine gute, feste Bindung sein. Sonst stürzt alles ab. Meine Bindung an Jesus ist so was Ähnliches. Im Herzen. Nicht weil andere es fordern. Sondern weil ich das so will. Weil ich mich entschieden habe. Ich gehöre Christus. Bin sein eigen. In völliger Abhängigkeit. Und das alles freiwillig und gerne. Meine Bindung an Jesus. Die hilft, daß ich immer freier werde. Frei von Menschen. Frei von  ihren Sprüchen und Ansprüchen. Mit Christus lernt meine Seele fliegen. Abheben. Schweben. Leichtigkeit. Wie damals. Als Kinder. Beim Drachenfliegen. Im Herbstwind. Mit dem Blick nach oben zum Himmel. Wo Gott wohnt.

 

Ich bin ja heute noch Kind. Gottes Kind. Und Jesus. Er bindet mich an den Vater. Und läßt mich zugleich frei. Gebundene Freiheit. Befreiende Bindung. Wie der Papierdrache im Rhönwind. Auf Herbstwiesen. Die dem HERRN entgegensehen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. Ja, so soll es sein.

 

Predigtimpulse von Pfarrer Alfred Spekker aus Frankenheim

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Mit diesen Worten des Propheten Jesaja verbindet sich im Alten Testament eine ganz besondere Erfahrung: Viele Jahre hatte das Gottesvolk Israel bereits in der Gefangenschaft in Babylon verbracht. Sie waren in der Hand der Feinde, ihre staatliche und kulturelle Eigenständigkeit waren zerbrochen. Sie hatten ihre Sicherheit verloren.

Mit dem 40. Kapitel des Prophetenbuches verbinden sie einen neuen Weg und eine neue Hoffnung: Unser Gott ist bei uns. Ihm dürfen wir – trotz oder sogar gegen alle Lebenserfahrung – vertrauen. Gott geht mit uns sogar hierher, sogar in die Tiefe, sogar in ausweglose Lagen.

Das tröstet sie, das gibt ihnen neue Kraft, das stärkt sie in einer Zeit, als sie die Kräfte schwinden sehen.

Ich habe eine ganz persönliche Geschichte mit diesem Abschnitt aus der Bibel. Eine ganz andere Lebenserfahrung als die des Volkes Israel, aber doch eine Wichtige: Ich habe über diesen Text gepredigt im Gottesdienst zu meiner Ordination als Pfarrer in Dittersdorf in Ostthüringen am 10. Dezember 2000. Das Datum und den Gottesdienst mit Landesbischof Roland Hoffmann werde ich nie vergessen.

Vorher hatte ich fast 15 Jahre seit dem Abitur ein Ziel verfolgt: Pfarrer werden. Ich habe lange und mühsam studiert, ich war durch das Erste Examen gefallen. Ich habe über vier Jahre lang einen Umweg im Leben gemacht und Schrauben verkauft. Dann wurde ich wie durch ein Wunder doch noch Vikar in Ostfriesland, aber nach 2 ½ Jahren schien es, als müsste ich alle Hoffnungen auf meinen Lebenstraum begraben: Ich gehörte nicht zu den wenigen, die mit fertiger Ausbildung in eine Pfarrstelle entsandt wurden.

Wie durch ein Wunder öffnete sich der Weg nach Thüringen. Für mich und meine Familie in eine fremde Welt, in eine andere Kirche, in ganz andere Lebensumstände.
Und ich predigte in diesem Gottesdienst über die Worte des Jesaja.
Was hat mir Kraft gegeben, nicht aufzugeben?
Was hat mich gehalten, wenn ich der Verzweiflung und den Tränen näher war als allem anderen?
Was tröstet mich?

Ich hatte es ja selbst erlebt, wie es ist, wenn Jünglinge straucheln und fallen und wenn ein Mann müde und matt wird. Davon konnte ich Lebenslieder singen – mehr als genug.
Aber ich habe eben auch die Erfahrung des Gottesvolkes am eigenen Leib erfahren dürfen: Die auf Gott vertrauen, bekommen neue Kraft!
Diese Erfahrung trägt mich als Pfarrer immer noch und immer wieder. Ich versuche erst gar nicht, nur auf meine Kraft zu vertrauen. Ich habe – auch in bitteren Erfahrungen – gelernt, dass Vertrauen auf Gott mich immer wieder auffahren lässt.
Und wenn Müdigkeit mich überfällt, hilft mir diese Erfahrung und hilft mir der Glaube, dass Gottes Kraft mich immer wieder aufrichten will.

An diesem Sonntag werden wir alle langsam die Erfahrung machen, dass der Weg aus der Coronakrise uns ganz schön lange beschäftigen wird und dass es ein mühsamer Weg werden wird und schon ist.
Und das ohne jahrelange Gefangenschaft und ohne dass gleich alle Dinge im Leben fraglich werden.
Aber dieser Weg in eine wie auch immer zu gestaltende Zukunft wird ein langer Weg werden.
Mir tut es gut, mich an den Gott zu erinnern, der in solchen Zeiten Kraft gibt. Mir tut seine Zusage gut, die mich nicht straucheln und fallen lassen will.
„Quasimodogeniti – Wie die neugeborenen Kinder“ – diesen lateinischen Namen trägt der erste Sonntag nach einem ganz merkwürdigen Osterfest. Ich – wir – sollen leben, hoffen, glauben und erste Schritte tun im Vertrauen auf den, der immer schon das Leben verheißen hat. In Babylon, in Dittersdorf, in der Rhön, in unserem Haus und bei Ihnen Zuhause auch.

Einen gesegneten Sonntag und ein gesegnetes Leben wünscht

Alfred Spekker, Pfarrer in Frankenheim