10.05.2020
Predigtimpuls am Sonntag Kantate

von Pfarrer Roland Jourdan aus Vacha

(2. Buch der Chronik 5, 2-14)

“Wenn Du das Universum verstehen willst, dann denke in Kategorien wie Energie, Frequenz und Vibration!” So der serbisch-amerikanische Physiker Nikola Tesla. Denn “Die Welt ist Klang.” Dies wünschen wir uns besonders, gerade in diesen krisenhaften, bedrohlichen Zeiten. Im Einklang sein. Mit mir selbst, mit meinem Leben, mit der kleinen, nahen, vertrauten Welt und mit der großen Welt drumherum.

Heute feiern wir den Sonntag Kantate: „Singet“. Auch im Bibeltext für die Predigt geht es um das Hören der Musik, um ein besonderes Klangerlebnis.

Wir befinden uns in der Zeit von König Salomo. Schon bald nach Amtsantritt als König von Israel läßt er in der Hauptstadt Jerusalem einen Tempel errichten. Ist dieser dann fertig, wird die Bundeslade und in dieser die steinernen Tafeln mit den Zehn Geboten feierlich in das Allerheiligste des Tempels gebracht.

Im 2. Buch der Chronik 5,2-14 heißt es:

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. 4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. 6 Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte. 7 So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihre Stätte, in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim, 8 dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her. 9 Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Allerheiligsten sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag. 10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen. 11 Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass man auf die Abteilungen geachtet hätte –, 12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. 13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

Musizieren und Singen zur Ehre Gottes. In diesen feierlichen Momenten kann die göttliche Gegenwart besonders intensiv wahrgenommen werden. Die Herrlichkeit Gottes erfüllt den Tempel wie eine Wolke. Die Einweihung des Tempels beginnt mit einer feierlichen Prozession. Den israelitischen Priestern ist es dann vorbehalten, die Bundeslade an ihren Ort im Tempel zu bringen, ins Allerheiligste. So erfahren die Priester im Raum des Allerheiligsten die Gegenwart Gottes auf besondere Weise. Und dann begeben sie sich nach draußen. Und das Konzert beginnt. Welch ein gewaltiges Klangerlebnis muß dies gewesen sein. Trompeten, Zimbeln, Harfen und Psaltern erklingen. Dazu singt ein großer Chor. Und dann kommt es zu einer geheimnisvollen Erfahrung. Die Musizierenden erleben sich selbst als Klangkörper für Gott. Dieser bringt ihr Herz zum Schwingen und Klingen. Ein besonderer Moment. Geschenkt. Niemals gemacht. Überraschend. Und wie zur Bestätigung erfahren die Feiernden Gottes Gegenwart nicht nur im Klang, sondern auch in der Wolke der Herrlichkeit, die den Raum erfüllt. So beschreibt es abschließend der Bibeltext.

Im Einklang sein mit Gott. Wenn Gott in uns zum Klingen kommt. Aber um solche Momente erleben können, müssen wir uns zurücknehmen. Mit unseren Gedanken, mit unserem Wollen und Tun. Müssen einen Freiraum schaffen, der gefüllt werden kann. Lauschen auf den Klang des Lebens in unserem Herzen und in den Herzen der Menschen, die uns begegnen. Still sein und intensiv hören, ohne Anstrengung, ohne mit etwas zu rechnen, ohne etwas erzwingen zu wollen.

Es kann aber auch die Musik sein mit ihren Klängen und Schwingungen, die uns aufnahmebereiter macht. Ob bei einem klassischen Konzert oder bei einem Rockkonzert. Ich bin – inmitten der anderen Menschen – berührt. Spüre das Besondere dieses Augenblicks. In mir kommt meine eigene Lebensmelodie zum Klingen. Verbinde ich das, was gerade in mir klingen will, mit dem, was da außerhalb von mir vor sich geht. Doch ist es stets entscheidend, sich bewußt auf die Situation einzulassen. Dass eben nicht ich es bin, der jetzt gestaltet und wirkt. Sondern dass ich mich mitnehmen lasse in eine bisher unbekannte Welt der Töne und Klänge.

Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Theologe, wurde vor 75 Jahren am        9. April 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, im Konzentrationslager Flossenbürg von den Nazis hingerichtet. Doch trotz all der erlebten Gewalt und Erniedrigung im Gefängnis Berlin-Tegel fand er Worte wie diese: „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Lassen wir unsere eigene Musik ausklingen, kommen wir zur Ruhe, nehmen wir die Stille wahr. Und werden wir so aufnahmebereit für den Klang des Göttlichen.