21.10.2020
Zwischen Klage und Lob – Glauben in der Krise

Wenn zwischen Predigt, Glaubensbekenntnis und musikalischen Beiträgen Vögel zwitschern, Blätter rauschen und Sonnenstrahlen durch die Baumkrone der beeindruckenden Sommerlinde – im Kirchenschiff der Klosterruine – auf die Gemeinde fällt, dann war es wahrlich ein besonderer Gottesdienst.

Bei bestem Wetter kamen zahlreiche Besucher am vergangenen Sonntag zu einem Kirchenkreis-übergreifenden Open-Air-Gottesdienst in und um die – in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erbaute Mönchssiedlung – heute Klosterruine in Mariengart. „Wir sind völlig überwältigt und haben nicht mit dieser Resonanz gerechnet“, erzählt Kirchenälteste und Organisatorin Renate Enders aus Völkershausen. Bevor jedoch die Gäste die Klosterruine betraten, wurden ihre Hände mit Desinfektionsmittel besprüht und die Teilnehmer in einer Liste erfasst sowie auf die Hygieneregeln vor Ort aufmerksam gemacht.

Die gastgebende Gemeinde Völkershausen hat in wenigen Wochen die historischen Kirchenbänke aus der St.-Annen-Kirche – die bei dem Gebirgsschlag 1989 in Völkershausen ihr Ende fand -, mit viel Aufwand für diesen Tag aufbereitet.
Mit dem Läuten der Glocke, die sich im Altarraum der Ruine befindet, wurde der Gottesdienst von Bernd Wiese aus Wölferbütt eingeleitet. Mit dem Ruf seines Enkels in die Menge „Opa, du hast gut geläutet“, der viel Heiterkeit unter den Besuchern hervorrief, begann der Posaunenchor aus Völkershausen mit der Intrada von Wolfgang Brödel. Anschließend begrüßte Kirchenälteste Renate Enders die Besucher. „Zusammen mit Ortsteilbürgermeister Holger Göpfert aus Wölferbütt wollen wir diesen ursprünglichen Platz für die Zukunft erhalten und den Kirchgemeinden sowie der Öffentlichkeit bei Gottesdiensten und Konzerten zur Verfügung stellen“, erklärte Renate Enders. Während ihrer Ansprache lud die ehemalige Lehrerin alle Interessierten zu einer spannenden Führung durch die Klosterruine nach dem Gottesdienst ein.

Mit den Worten „Das hätte ich nicht für möglich gehalten! Hätte mir im Februar jemand gesagt was in diesem Jahr passieren wird – ich hätte es nicht geglaubt. Ein winziges Virus legt die Welt lahm. […]. Von einem Tag auf dem anderen war alles anders. Ist alles anders. Und ich frage mich wie lange noch?“, begrüßte Pfarrerin Franziska Freiberg aus Dorndorf, die zusammen mit Klinikseelsorgerin Diana Engel aus Bad Salzungen im Gottesdienst eine Dialogpredigt hielt, die Besucher. In ihrer Predigt gingen sie auf Texte des Propheten Habakuk ein. Wer ist denn dieser Habakuk, und was macht ihn aus? Warum steht er in der Bibel und was hat das mit uns und Corona zu tun?

Im biblischen Buch Habakuk hat der Prophet nicht wie alle anderen Propheten Visionen, sondern er stellt eine Unmenge von Fragen. Das Besondere daran: Er stellt sie Gott. Und er geht dabei nicht zimperlich vor. Denn er versteht Gottes Handeln oft einfach nicht. „HERR, wie lange schon schreie ich zu dir um Hilfe, aber du hörst mich nicht. »Überall herrscht Gewalt!«, rufe ich dir zu, doch von dir kommt keine Rettung“. (Habakuk 2) „Warum muss ich so viel Unrecht mit ansehen, und warum schaust du untätig zu, wie die Menschen einander das Leben schwer machen? Unterdrückung und Gewalt, wohin ich blicke, Zank und Streit nehmen kein Ende“! (Habakuk 3) „Dagegen ist das Gesetz machtlos geworden, auf ein gerechtes Urteil hofft man vergeblich. Der Gottlose treibt den Unschuldigen in die Enge, und Recht wird in Unrecht verdreht.“ (Habakuk 4)

Mit diesen  zur Coronavirus-Krise passenden Worten  beginnt der Prophet Habakuk aus dem Alten Testament. Stellen wir uns nicht auch alle die Frage: Wie lange wird es noch so weitergehen? Wie lange noch wird die Corona-Krise die Menschheit in Zank und Zorn entzweien? Kann man trotzdem noch inmitten des Wahnsinns an das Gute glauben?

„Es ist vorbei mit der großen Solidarität. Und auch ich werde immer vorsichtiger mit meiner Meinung.“, so Pfarrerin Freiberg.

„Wer hätte gedacht, dass die Menschen, die doch meinten, das Leben und den Tod kontrollieren zu können, von einem kleinen Virus aus der Bahn gerissen werden?“, so Freiberg. Ist es vielleicht an der Zeit umzukehren, Abstand zu gewinnen, an das Gute zu glauben und unseren Halt wieder neu im Evangelium zu finden? Rettet uns vor der unterdrückenden und lebensbedrohenden Gewalt in der Welt vielleicht nur das gewaltfreie Vertrauen auf Gott und das Handeln und Entscheiden in seinem Sinne?

„Und voller Liebe will ich bleiben für die Menschen, die auf der Suche sind. Für die, die einen anderen brauchen. Voller Liebe will ich glauben, dass das Unmögliche, das Gott verspricht, doch noch wahr werden kann. Nicht irgendwann, sondern hier und jetzt, durch dich und durch mich“, appelliert Franziska Freiberg an die Besucher.

Ein musikalisches Highlight war der Posaunenchor aus Völkershausen, der während und nach dem Gottesdienst unter Leitung von Klaus Enders den Abend mitgestaltete.

Nach dem Gottesdienst verweilten viele Besucher bei einer Führung durch die Klosterruine oder genossen bei erfrischenden Getränken und kleinen Gaumenfreuden den Sonnenuntergang in dieser beeindruckenden Atmosphäre.


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 Im Kirchenschiff der Kapelle steht die beeindruckende Sommerlinde die die sanierte Klosterruine überspannt. © Julia Otto  Die historischen Kirchenbänke aus der St.-Annen-Kirche – die bei dem Gebirgsschlag 1989 in Völkershausen ihr Ende fand -, wurden mit viel Aufwand für diesen Tag von den gastgebenden Gemeinden des Kirchspiels Völkershausen neu aufbereitet. © Julia Otto   © Julia Otto  Von links: Britta Witzel aus Wölferbütt (GKR), Katja Nensel aus Wölferbütt (GKR), Rainer Spiegel aus Völkershausen (Tuba), Diana Engel aus Bad Salzungen (Klinikseelsorgerin), Dietmar August aus Völkershausen (Posaune), Manfed Boullie aus Martinroda (Posaune), Franziska Freiberg aus Dorndorf (Pfarrerin), Claudia Walter aus Völkershausen (Trompete), Bernd Wiese aus Wölferbütt (Trompete), Kirchenälteste Renate Enders aus Völkershausen und Klaus Enders aus Völkershausen (Leiter der Posaunenchors Völkershausen). © Julia Otto  Ilona Burwitz stellte die Blumen für den Gottesdienst zur Verfügung. © Julia Otto  Klaus Enders (Leiter des Posaunenchors in Völkershausen). © Julia Otto Kirchenälteste Renate Enders aus Völkershausen bei der Führung durch die Klosterruine.  © Julia Otto  Nach dem Gottesdienst verweilten viele Besucher bei einer Führung durch die Klosterruine oder genossen bei erfrischenden Getränken und kleinen Gaumenfreuden den Sonnenuntergang in dieser beeindruckenden Atmosphäre. © Julia Otto