21.10.2020
Die wilden Gänse – Eine Herbstpredigt von Pfarrer Norbert Endter aus Schweina und Pfarrerin Wibke Endter aus Steinbach

Jeremia 8,7 Gott, der Herr spricht: Selbst die Vögel am Himmel kennen ihre Zeiten. Taube, Kranich und Schwalbe halten die Tage ihres Heimkommens ein. Nur mein Volk weiß nicht, welche Ordnungen ich ihm gegeben habe.

- Da freu ich mich schon drauf. Ich glaube, so Ende Oktober. Wenn sie wieder fliegen. Die wilden Gänse. Im Formationsflug. Wie ein großer Pfeil. Hoch oben. Am herbstlichen Himmel. Zuerst hör ich sie. Ihr lautes Schreien. Dann geh ich raus. In unseren Pfarrgarten. Laß alles liegen. Kann alles ruhig warten. Ich schaue nach oben. Suche den Himmel ab. Bis ich sie gefunden habe.
Ich liebe dieses Bild. Es ist dermaßen lebendig. Stark und schön. Es atmet so viel Freiheit. Und rührt mich tief an. Jedes Mal. Und immer wieder. Ich steh draußen. Vergesse die Zeit. Schaue ihnen nach. Den wilden Gänsen. Bis sie verschwunden sind. Hinten am Horizont. Richtung Süden. In der Abendsonne. Wenn ich fliegen könnte. Wer weiß. Ich würde mich aufschwingen. Würde ihnen folgen. Ja, das würde ich tun. -  Dann geh ich wieder hinein. In unser Pfarrhaus. Dreh mich noch mal um. Blicke zum Himmel. Schließe die Tür. Setze mich hin. An meinen Schreibtisch. Will weiter machen. Aber es geht nicht. Ich finde einfach keine Ruhe mehr. Es ist so eine Sehnsucht. Aufbruchstimmung. Ein Hoffen. Daß alles noch mal neu werden könnte. In der Kirche Jesu Christi. Bei den Menschen. Die getauft sind auf den Namen des lebendigen Gottes. Und die oft so schläfrig geworden sind in Glaubensdingen. Daß alles noch mal neu werden könnte. Erst recht bei denen, die Jesus noch nicht kennen. Deren Herz noch stumpf ist. Unempfindlich. Daß sie auch noch zu ihm kommen. Er hat es doch versprochen. Siehe, ich mache alles neu. Alles. Nicht nur ein bißchen anders. Sondern alles ganz neu. Das große Thema der Bibel. Neu werden. Auch Abraham und seine schöne Sara. Als Gott zu ihm spricht: Los, pack deine Sachen. Und geh. Trau dich. Bleib ja nicht im Gewohnten. Geh weg von daheim. Ich sag dir auch, wohin. Vertrau mir. Ich segne dich. Ich geb dir jede Menge Segen. Die volle Dosis. Dann sind sie losgezogen. Abraham und seine schöne Sara. Gott selber hat sie entbunden von ihrer Residenzpflicht.

Ich denke an die Gemeinden. Ob sie es noch mal schaffen? Ob sie die Flügel hoch kriegen? Und aufbrechen. Dorthin, wo Gott sie haben will. Und nicht nur die alte Reformation feiern. Vor 500 Jahren. Den tausendsten Lutherweg einweihen. Sondern selber fliegen. Selber aufbrechen. Selber mutig sein. Im Namen Jesu Christi. Daß du wieder jung wirst, wie ein Adler. Steht in meinem Lieblingspsalm 103. Wie gut, daß so was drin steht. - Die Vögel am Himmel. Sie kennen ihre Zeiten. Spricht Gott. Also, noch mal die wilden Gänse. Dieses starke Bild. Sie fliegen niemals allein. Immer zusammen. Stets als Gemeinschaft. Mit dem gleichen Ziel. In den kommenden Herbsttagen. Richtung Nordafrika. In die Winterquartiere. Das brauch ich doch auch. Als Christ. Daß ich nicht allein sein muß. Mit meinem Glauben. Ich brauche lebendige Christen. Mit dem gleichen Ziel im Herzen. Auf dem Nachhauseweg zu Gott. Entschiedene Leute. Bekehrte Leute. Denen das Herz brennt. Für Jesus Christus. Glaubensgeschwister. Mit denen man reden kann. Nachdenken kann. Über geistliche Dinge. Nicht nur über Bauen, Geld und Krippenspiel. Sondern miteinander die Bibel lesen. Verstehen. Begreifen. Heraus finden. Was da gesagt ist. Und es bewahren und bewegen im Innern. Und weitersagen in einfachen, schlichten, schönen Worten. Die jeder gut verstehen kann. Gemeinsam sind sie unterwegs. Die wilden Gänse. Und wenn sie fliegen. Dann fliegen sie als Formation. Wie ein großer Pfeil. So sieht es aus. Wenn man nach oben schaut. Und das ist sehr sinnvoll. Die stärksten Tiere fliegen vorneweg. An der Spitze des Zuges. Die anderen hinterher. Im Windschatten. Da brauchen sie weniger Kraft. Können sich ein wenig ausruhen. Wenn das Leittier müde wird. Dann läßt es sich zurück fallen. Fliegt weiter hinten. Im Windschatten der anderen. Und das nächste Tier führt den Zug an. Bei den Gänsen muß keine immer vorne dran sein. Immer nur stark sein. Immer der Anführer und Motor und Motivator sein. Auf diese Weise wird keiner überfordert. Ist alles sehr sinnvoll. Alles sehr klug geordnet. Als wären sie inspiriert. Vom Schöpfer persönlich. - Die ersten Christen. Die ersten kleinen Gemeinden. Die waren wohl ähnlich aufgestellt. Wer eine Gabe hatte von Gott. Der hat damit gedient. Und die Gemeinde wuchs. War lebendig. Robust. Wurde größer. Hatte Ausstrahlung. Hört sich gut an. Und wär doch was für uns. Für die Gemeinden heute. Denn jeder Getaufte. Jeder, der bewußt mit Jesus lebt. Der darf priesterlich dienen. Seiner Gemeinde. Jeder ist ein Geistlicher. Jeder, der eins ist mit Jesus. Und ihn als seinen Herrn bekennt. Priestertum aller Gläubigen. Jeder aufgeweckte Christ. Gehört zum Leib Christi. Jeder ist eingeladen. Und zugleich verpflichtet. Daß dieser Leib lebendig bleibt. Frisch bleibt. Wirksam bleibt in der Welt.

Die Graugänse haben das richtig gut drauf. Praktizieren das. So sind die unterwegs. Auf weiten Strecken. Ohne schlapp zu machen. Als hätte Gott es ihnen eingeflüstert. Da kann man nur staunen. Die Vögel am Himmel kennen ihre Zeiten. Halten die Tage ihrer Heimkehr ein. Nur mein Volk weiß nicht, welche Ordnungen ich ihm gegeben habe. - Und wenn ein Tier krank wird. Oder angeschossen von Jägern. Wenn es nicht weiter fliegen kann. Dann löst es sich heraus aus der Formation. Es muß landen. Und zwei gesunde Tiere folgen ihm. Begleiten es nach unten. Bleiben zum Schutz in seiner Nähe. Und zwar solange, bis es wieder fliegen kann. Bzw. bis es gestorben ist. Dann schließen sie sich der nächsten Gruppe an. Und fliegen mit denen weiter. Bis das Ziel erreicht ist. Ein schönes Bild für Seelsorge. Brauchen wir ja auch. Nicht nur Seelsorge geben. Sondern auch welche bekommen. Jeder hat es nötig. Wie gut, wenn man das nicht vergißt. Keiner ist auf Dauer nur der Macher. Und das Stehauf-männchen. Und der Überflieger. Wir sind angewiesen. Bleiben bedürftig. Jeder kennt Momente persönlicher Armseligkeit. Abends. Wenn man von der Bühne steigt. Wenn die Scheinwerfer ausgehen. Der Vorhang fällt. Und das Publikum zu Hause ist. Dann gibt’s manchmal viel inneres Elend und Einsamkeit in den Herzen. Also Seelsorge. Wie bei den Graugänsen. Wenn du notlanden mußt. Eines Tages. Dann sind zwei, drei andere bei dir. Die dich nach unten begleiten. Bei dir bleiben. Bis du wieder fliegen kannst. Diese schlichte Seelsorge kostet kein Geld. Belastet nicht den Strukturfonds im Kirchenkreis. Es sind die kleinen, ehrlichen Fragen. Wie geht es dir? Was fehlt dir? Wie schaffst du das alles? Soll ich dir was abnehmen? Ich sehe deine Augen. Sie sind traurig. Oder wütend. Was ist los mit dir? Auf diese Weise werden wir wahrhaft Schwestern und Brüder. So entsteht Gemeinschaft der Heiligen. Gemeinschaft der Verwundeten. Gemeinschaft der Geheilten. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Durch Jesu Wunden.

- Die Vögel am Himmel. Sie kennen ihre Zeiten. Bald fliegen sie wieder. Die wilden Gänse. Ich freu mich jetzt schon drauf. Höre ihr Schreien. Suche den Himmel ab. Bis meine Augen sie finden. Und wenn man genau hinschaut. Nach oben zum Himmel. Dann sieht jedes Tier aus, wie ein kleines Kreuz. Körper und Flügel bilden ein Kreuz. In dieser Gestalt fliegen sie. Das hält sie auch am Himmel. Das kann bei uns nicht anders sein. Jesus verordnet uns das. Die Gestalt des Kreuzes. Nimm es auf dich. Sagt er. Trag dein Kreuz. Täglich. Sonst kannst du mir nicht folgen. Das Kreuz. Nicht als Schmuckstück an silbernen Kettchen. Oder als prächtige Amtskette an Kardinals- und Bischofshälsen.

Das Kreuz wird mein ICH töten. Mein Ego. Alles, was die Bibel Fleisch nennt. Alles, worauf ich stolz bin. Meinen guten Ruf in der Welt. Mein Bekanntheitsgrad. Meine natürlichen Kräfte. Mein Eigenwille. Eigen-mächtige Pläne. Mein kluges Wissen. Meine Fassade. Muß alles sterben. Muß alles zerbrochen werden. Mit Jesus am Kreuz. Weil wir ein Tempel werden sollen. Tempel des Heiligen Geistes. Und darin kann nur Einer wohnen. Das stolze ICH. Oder der Heilige Geist. Beides zugleich ist unmöglich. Entweder … oder. So wird man auch ein Geistlicher. Wenn ich Gott erlaube, mein Ich zu zerbrechen. Zu kreuzigen. Damit sein Geist in mir wohnt. Damit ich forthin geleitet und geführt werde von Gottes Geist. Und nicht länger durch meinen Eigenwillen. Würden die wilden Gänse das aufgeben. Ihre Kreuzgestalt. In der sie fliegen. Sie würden sofort abstürzen. Der Wind trägt sie dann nicht länger. Wind. Pneuma. Geist. Gottes Geist führt mich. Wenn ich sie bewahre. Die Gestalt des Kreuzes. Wenn ich einwillige. Jeden Tag neu. Und wie ist das mit der Kirche? Die kann auch nur so unterwegs sein. In der Gestalt des Kreuzes. Und daß sie der Welt verkündet: Es ist vollbracht. Es ist geschehen. Und gilt für ewig. Es ist vollbracht. Am Kreuz. Jeder Mensch kann Gottes Kind sein. Wenn er Jesus annimmt. Mehr braucht es nicht. Nichts dazu tun. Nichts davon wegnehmen. Das Wort Gottes allein. Ohne menschliche Zusätze. Ohne Anleihen an den Zeitgeist. Ohne den Drang, überall mitreden zu müssen. Ohne die Versuchung, stets wichtig zu sein. Es ist vollbracht. Es bleibt dabei. Christus allein. Und sonst keiner. Und sonst nichts. - Ich freu mich schon drauf. Ende Oktober. Wenn sie wieder fliegen. Die wilden Gänse. Im Formationsflug. Wie ein großer Pfeil. Hoch oben. Am herbstlichen Himmel. Ich höre ihr lautes Schreien. Ich geh raus. Schaue nach oben. Suche den Himmel ab. Bis ich sie gefunden habe. Und dann danke ich Gott für diese wunderschönen Tiere. Ich liebe dieses Bild. Es ist dermaßen lebendig. Stark und schön. Es atmet so viel Freiheit. Und rührt mich tief an. Jedes Mal. Und immer wieder. Ich steh draußen. Vergesse die Zeit. Schaue ihnen nach. Den wilden Gänsen. Bis sie verschwunden sind. Hinten am Horizont. Richtung Süden. In der Abendsonne. Wenn ich fliegen könnte. Wer weiß. Ich würde mich aufschwingen. Würde ihnen folgen. Ja, das würde ich tun. Die Vögel am Himmel kennen ihre Zeiten. Halten die Tage ihrer Heimkehr ein. Nur mein Volk weiß nicht, welche Ordnungen ich ihm gegeben habe.