Aug 22, 2025
Das Wort ergreifen, wenn der Pfarrer fehlt: Lektorin Erika Drescher hält 100. Gottesdienst
Seit zehn Jahren springt die ehemalige Lehrerin in bis zu zehn Gemeinden ein – aus Leidenschaft und Pflichtbewusstsein, damit die Glocken nicht verstummen.
Es ist still in der Kirche. Die Blicke der Gemeinde ruhen erwartungsvoll auf der Frau vor dem Altar. Nicht ein Pfarrer, nicht eine Pfarrerin wird heute den Gottesdienst halten, sondern Erika Drescher. Eine von denen, die im Verborgenen wirken, damit das Gemeindeleben nicht zum Erliegen kommt. Am letzten Sonntag feierte die 77-Jährige einen besonderen Meilenstein: Es ist ihr 100. Gottesdienst als Lektorin.
„Es hat mir immer leidgetan, wenn ein Gottesdienst ausfallen musste. Die Gemeinde soll ihr Ritual in ihrer eigenen Kirche feiern können. Dafür springe ich ein“, sagt Drescher nach dem Gottesdienst. Ihre Motivation ist kein Geltungsdrang, sondern schlichte Nächstenliebe. Seit einem Jahrzehnt ist die ausgebildete Lektorin im Einsatz, wenn in den Pfarrhäusern der Region Personalnot herrscht. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich über zehn Gemeinden im Umkreis.
Ihre Ausbildung absolvierte sie beim Gottesdienst-Institut der Landeskirche in Neudietendorf bei Matthias Rost. Fast zwei Jahre lang büffelte sie nicht nur Rhetorik und Gesang, sondern auch Liturgik – also den fundierten Aufbau eines Gottesdienstes. „Das ist kein Laienjob“, betont Drescher. „Man trägt eine große Verantwortung.“
Ihr Handwerkszeug erwarb sie sich im Schuldienst. „Der Beruf als Lehrerin hilft mir. Ich habe meine Unterrichtsstunden immer akkurat vorbereitet – und so tue ich es auch mit den Gottesdiensten. Deutliches, nicht zu schnelles Sprechen ist im Unterricht ebenso wichtig wie beim Vortragen biblischer Texte“, erklärt sie. Dieses Gespür für die Wirkung von Texten ist ihr größter Vorteil.
Doch hinter der professionellen Fassade schlägt auch ein menschliches Herz. Es gebe anstrengende Tage, an denen die Konzentration schwerfalle, gesteht sie. „Einmal, als meine zehn Jahre jüngere Cousine verstorben war, war es sehr schwer.“ Doch die schönen Momente wiegen alles auf. Eine Begegnung in Weilar ist ihr unvergesslich: „Nach dem Gottesdienst kam eine Frau zu mir und sagte: ‚Ich habe zum ersten Mal die Predigt verstanden!‘ Das ist das schönste Kompliment.“
Die Arbeit einer Lektorin ist nicht immer einfach. Mut gehört dazu, sich vor eine Gemeinde zu stellen, die oft den direkten Vergleich mit einem studierten Geistlichen zieht. Mit 100 geleiteten Gottesdiensten im Rücken hat Drescher bemerkenswerterweise kaum kritische Reaktionen erfahren, trotz des hohen Erwartungsdrucks. Die Gemeinde habe sie stets gut aufgenommen. Die größte Herausforderung ihrer Ausbildung war etwas ganz Praktisches: „Bei einem Seminar in Eisenach musste ich einmal Liturgie vorsingen bei dem ehemaligen Superintendenten Dr. Ulrich Lieberknecht. Ich musste meine Arme so lange hochhalten, bis sie verkrampften.“
Ihr Engagement kennt keine Pause, nicht einmal in der Pandemie, als sie Online-Gottesdienste mitgestaltete, und schon gar nicht aus persönlichen Gründen. Erst im Sommer brach sie in der Hitze zusammen, musste ins Krankenhaus. Aber selbst da galt ihre größte Sorge nicht der eigenen Gesundheit, sondern dem Gottesdienst am nächsten Tag. „Das hat mir so leidgetan, dass der Gottesdienst ausfallen musste!“, erinnert sie sich. „Bei allen gesundheitlichen Problemen hilft mir mein unerschütterliches Gottvertrauen.“
Trotz dieser Hingabe sieht sie die Zukunft des Ehrenamts mit Sorge. „Ich will weiter Gottesdienste halten dürfen, solange ich kann. Aber in meiner Lektorengruppe sind längst nicht mehr alle aktiv.“ Sie hat eine klare Forderung: „Es sollte darüber nachgedacht werden, Lektorendienste zu vergüten – ähnlich wie ehrenamtliche Organisten eine Aufwandsentschädigung bekommen. Das gab es bisher nicht.“
Erika Drescher ist mehr als nur eine Lückenbüßerin. Sie ist eine Hüterin der Gemeinschaft, eine Garantin dafür, dass die Glocken auch dann läuten, wenn das Personal knapp ist. Ihr 100. Gottesdienst ist nicht nur eine Zahl, sondern ein beeindruckendes Zeugnis gelebten Glaubens und bürgerschaftlichen Engagements im stillen Kämmerlein der Kirche.
Thomas Volkmann