24.03.2020
Predigtimpulse

Predigtimpulse zum aktuellen Predigttext – vom Sonntag, 22. März 2020 (Lätare) – aus unterschiedlichen Sichtweisen von Pfarrerin Franziska Freiberg aus Dorndorf und Superintendent Dr. Ulrich Lieberknecht aus Bad Salzungen.

Predigtimpuls von Pfarrerin Franziska Freiberg aus Dorndorf

Jesaja 66,10-14, Luther

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Ich weiß nicht. Ich kann mich nicht freuen. Nicht jetzt, wo alles, was ich tue und machen will in Frage steht. Wo ich gebremst werde ohne es zu wollen. Und plötzlich kommt mir das, was ich den letzten Wochen nicht ernst nehmen wollte, so nah. Plötzlich ist es da und nicht mehr im Status der anderen. Plötzlich macht ES was mit mir und ich kann nur noch reagieren und muss nach und nach loslassen, was ich eigentlich festhalten wollte. Was zu meinem Leben gehört und worüber ich mein Dasein so oft definiere. Anstatt einen Termin nach dem anderen anzunehmen, streiche ich alles und der bunte Flickenteppich in meinem Terminkalender verschwindet. Plötzlich ist da Zeit mit der ich gar nicht gerechnet habe und noch etwas anderes schafft sich in den letzten Tagen in mir Raum: die Unsicherheit wird mein Begleiter. Ich weiß nicht mehr was richtig ist, wie gefährlich all das ist. Irgendwo zwischen wird schon werden und hoffentlich nicht meine Familie stehe ich. Und ich organisiere mein neues Leben und verfolge was passiert und irgendwie fühle ich mich verloren zwischen den tausenden Informationen, den Meinungen und dem was zwischen den Zeilen schwingt. Ich weiß nicht was kommt und muss lassen, was mir meine Tage und Wochen strukturiert hat. Ich bin dazwischen. Auf der Suche nach meinem Weg durch die Krise. Dazwischen. Auf der Suche nach Antworten. Ich bin auch zwischen Menschen, die so viel vermuten und erzählen und doch weit weg vom Eigentlichen zu sein scheinen. Mit allen anderen bin ich eine Suchende und dieses Suchen scheint meine Aufgabe in den nächsten Tagen zu sein.

Dazwischen stehen auch die Worte des Propheten Jesaja. Zwischen einer freudigen Zukunft, die noch in der Ferne ist und einer trostbedürftigen Gegenwart, die alle Freude nimmt. Aber Jesaja macht nicht die Gegenwart, die jeder kennt und an der viele leiden, groß, er malt wundervolle Zukunftsbilder. Das ist sein Talent. Seine Aufgabe. Er schenkt den Menschen Hoffnung. Und er erinnert die Menschen an Gott, der der Grund dieser Hoffnung ist. Bei dem alles gut und schön werden wird und sich letztlich alle Träume erfüllen. Jesaja malt Hoffnungsbilder in eine düstere Gegenwart. Und das tut gut.

Denn ich will mir nicht das Schlimmste ausmalen. Ich bin ein hoffnungsvoller Mensch, einer der für etwas leben will und an etwas festhalten möchte. Dafür stehe ich jeden Morgen auf. Dafür arbeite ich manchmal über meine Kräfte hinaus. Ich will glauben, dass alles zu etwas Gutem führen wird. Dass Träume wahr werden und dass Menschen gut sind. Ich will glauben, dass am Ende das Leben siegt und jede Verzweiflung endet. Ich weiß, ich bin eine Träumerin und wahrscheinlich wie Jesaja, ein unverbesserlicher Idealist. Ich weiß wie die Welt aussieht. Wie Menschen zueinander sein können. Aber davon lass ich mir meine Hoffnung nicht kaputt machen. Ich brauche die Hoffnung um zu Leben. Ich brauche den Glauben um meine Kraft einzusetzen. Ich brauche die Bilder Jesajas um mich nicht im Dazwischen zu verlieren.

Ich weiß nicht was noch kommt. Ich muss mich zurechtfinden in der neuen Situation. Aber ich glaube, dass was kommt. Dass alles vorbei geht und das Leben siegt. Ich weiß Gott an meiner Seite. Und ich weiß, dass es das Dunkel und das Licht braucht. Die Kunst an Tagen wie diesen ist die Hoffnung zu bewahren. Den Verstand wach zu halten und das wahrnehmen und nutzen was jetzt passiert. Das Gute finden in all den Beschränkungen und wer weiß, vielleicht wieder mehr sich selbst zu finden und den Grund zum Leben und Lieben in sich zu entdecken.

Was auch immer passiert, einer verlässt uns nicht. Einer ist da, wenn alle gehen müssen, wenn uns die Freiheit genommen ist. Gott bleibt gerade jetzt an unserer Seite.

Bleiben Sie auf der Suche und entdecken sie die Hoffnung im Dazwischen.

 

Predigtimpuls von Superintendent Dr. Ulrich Lieberknecht aus Bad Salzungen

Ich, der HERR, verspreche: Ich schenke der Zionsstadt Frieden und Wohlstand; der Reichtum der Völker wird ihr zufließen wie ein nie versiegender Strom. Ihr werdet an ihren Brüsten saugen, ihr werdet euch fühlen wie Kinder, die auf dem Arm getragen und auf den Knien gewiegt werden.

 Ich werde euch trösten, wie eine Mutter tröstet. Das Glück Jerusalems wird euch glücklich machen.

Wenn ihr das erlebt, werdet ihr voll Freude sein; neuer Lebensmut wird in euch erwachen, so wie im Frühling das frische Grün sprosst.

Jesaja 66, 12-14 (Gute Nachricht Bibel)

Was für ein starkes Bild! Ein Kind, das an der Mutterbrust saugt und das gewiegt wird auf den Armen. Ich habe letzte Woche wunderbaren Anschauungsunterricht dazu bekommen. Unser jüngstes Enkelkind, gerade drei Wochen alt. Wenn die Zeit zum Stillen ist, hilft da nichts anderes mehr, kein Wiegen und kein Singen und kein Beruhigen. Dann zählt nur noch die Mutterbrust. Und mit welcher Hingabe hängt das kleine Wesen daran!

Kann so Gottes Trost sein? Und wozu überhaupt Trost? Jetzt, in diesen aufgeregten Zeiten rund um die Pandemie? Was wir brauchen, sind doch Fakten, die den kursierenden Gerüchten und Verschwörungstheorien den Boden entziehen. Was wir brauchen, sind doch entschlossen handelnde Politiker, die die richtigen Schritte gehen. Was wir brauchen, ist doch Vertrauen in die ergriffenen Maßnahmen, um der allgemeinen Angst zu wehren.

Wie soll das alles nur weitergehen? fragen sich doch viele Menschen. Was wird denn noch alles kommen in den nächsten Wochen? Wenn es keine Angst ist, dann doch zumindest so ein merkwürdiges Gefühl der Verunsicherung. Haben wir so gar nicht gekannt bisher.

Das biblische Wort „trösten“, das Jesaja verwendet, umfast auch so etwas wie ermutigen und aufrichten. Hier soll Menschen nicht eine Illusion, sondern eine ganz konkrete Hoffnungsperspektive gegeben werden…. neuer Lebensmut wird in euch erwachen, so wie im Frühling das frische Grün sprosst. Jesaja hat ein ganzes des-illusioniertes Volk vor Augen, dessen wichtigster Orientierungspunkt, nämlich die Stadt Jerusalem, in Trümmern liegt. Alles, worauf sie ihre Hoffnug gesetzt hatten, alles, was Stabilität zu garantieren schien, ist zerstört. Alles, worauf sie stolz waren, hat sich als brüchig erwiesen.

Alles? Wirklich alles? Im Namen Gottes sagt der Prophet: Nein. So dramatisch sich auch die Lebensumstände geändert haben, so jämmerlich auch das früher blühende Gemeinwesen darniederliegt, Gottes Zusage bleibt. Sie ist nicht hinfällig mitten in allem Verfall. Ich, der HERR, verspreche: Ich schenke der Zionsstadt Frieden und Wohlstand, das klingt völlig abgefahren zwischen den Schuttbergen. Wer wird dem glauben können? Wer wird nicht abwinken und sagen: Klingt zwar hübsch, aber hat leider nichts mit unserer Realität zu tun?

In unserer heutigen Situation sehnen wir uns nach Verlässlichkeit.Was kann man glauben? Was ist nur Panikmache? Wie weit muss ich mein gewohntes Leben einschränken? Wir sehnen uns nach etwas, das nicht in Frage steht. Etwas, das auch morgen ganz sicher noch so sein wird wie heute. Etwas, das uns beruhigt und neuen Lebensmut einflößt. Kann Gott so sein?

Jesaja ermutigt uns, ganz vertraut von Gott zu denken. Nicht irgendwie ferne und unnahbar, sondern einfach wie eine Mutter. Das muss man niemandem erklären. Ich werde euch trösten, wie eine Mutter tröstet. Das kennt jede und jeder. Wie die Mutter. Wenn ich zu ihr laufen durfte und den Kopf an ihrer Küchenschürze bergen, die so gut nach gebratnenen Zwiebeln roch, da war die Welt in Ordnung. So – sagt Jesaja – ist es bei Gott. Stellt ihn euch nicht als Typ vor, dem man am besten aus dem Weg geht. Sondern stellt ihn auch als Mutter vor, die in ihrer Schürzentasche auch noch ein Taschentuch hat. Eine Mutter, die immer wartet, dass das Kind kommt. Und wenn es kommt, ist sie einfach da.

Zu hübsch? Zu realitätsfern? Ich glaube nicht. Zwar sind Jesajas Worte so ungefähr 2.500 Jahre alt. Aber der Ruf zum Vertrauen, der daraus spricht, ist hochaktuell. Ihr werdet an ihren Brüsten saugen, ihr werdet euch fühlen wie Kinder, die auf dem Arm getragen und auf den Knien gewiegt werden.

Es wird unserem ganzen Land gut tun, wenn es Menschen gibt, die diese Erfahrung mitbringen. Wie ein frisch gestilltes Kind. Wie mein Enkelkind. Wenn es satt ist, kann drum herum sonstwas passieren. Es ruht völlig in sich. Es weiß: das Wichtigste, das einzig wirklich Wichtige, ist ganz nahe.