29.05.2020
Predigtimpuls zu Pfingsten

von Pfarrer Norbert Endter aus Schweina

(Apostelgeschichte 2,1.2)

Am Pfingsttag waren alle versammelt. Plötzlich ertönte vom Himmel ein Brausen wie das Rauschen eines mächtigen Sturms und erfüllte das Haus, in dem sie versammelt waren.

Ich glaube, es war im April. Ja, April muß es gewesen sein. Ist schon ein paar Jahre her. Der Kirschbaum blühte vorm Haus. Frühlingshafte Temperaturen. In der Mittagsstunde hab ich mir einen Kaffee gebrüht. Und mich rausgesetzt. Auf die Treppe vorm Pfarrhaus. Als das Mittagsläuten aus war. Da hab ich´s gehört. Ganz viele Bienen. In den Blüten vom Kirschbaum. Ein Summen und Brummen und Vibrieren. So ähnlich muß sich das angehört haben. Damals beim ersten Pfingstfest. In Jerusalem. Als der Heilige Geist herunter kam. Vom Himmel auf die Erde. Mitten hinein ins Petrusherz. Und in die anderen Herzen. Ein Summen und Rauschen. Wie Tausende Bienen in der Kirschblüte.

Ich bin dann wieder ins Haus. In mein Amtszimmer. Und da war sie plötzlich drin. Sie war einfach da. Durchs angekippte Fenster. Da ist sie rein gewischt. Nun war sie also drin. Und kam nicht wieder raus. Eine von den Kirschbaum - Bienen. Ich wollte ihr helfen. Aber da war nichts zu machen. Sie ist hin und her geflogen. Wie wild durchs Zimmer. Dann flog sie an die Fensterscheibe. Ganz aufgeregt. Hoch und runter. Ich hab sie angeschaut. Und gedacht. Was fehlt dir denn? Was brauchst du? Was ist deine Sehnsucht? Wo findest du Frieden?

Sie wollte nicht allein sein. Ohne die Anderen. Ohne ihr Volk. Keine Biene kann das. Alleine existieren. Sie würde sterben. Ohne die Anderen. Dann hab ich überlegt. Das kann ich ja auch nicht. Als Christ. Alleine sein. Ohne die Anderen. Wie soll das gehen? Ich bin angewiesen. Auf andere Christen. Im gleichen Geist. Ich brauche sie. Sie brauchen mich. Miteinander beten. Die Bibel verstehen. Miteinander freuen. Miteinander leiden.

Im Kirschbaum. In meinem Pfarrgarten. Wenn ich die vielen Bienen höre. Dann weiß ich. Sie arbeiten zusammen. Vielleicht kommen die Bienen aus verschie-denen Bienenkästen. Manche aus dem katholischen Kasten. Manche aus dem evangelischen Kasten. Das mag alles sein. Aber im Dienst. In der Kirschblüte. In dieser mächtigen Baumkrone. Da gibt es keinen Unterschied. Sie arbeiten zusammen. Reibungslos. Ohne den Dienst der Bienen gäbe es keine Früchte. Kein Leben. Mangel an Nahrung. Ohne den Dienst der Kirche würde eine Kommune verarmen. Geistig verkümmern. Ohne Frucht bleiben. Sind die christlichen Gemeinden lebendig. Dann geht es auch dem Gemeinwesen gut. Gut, daß es uns gibt. Egal, aus welchem Bienenkasten wir ausschwärmen. Aus dem katholischen. Oder aus dem evangelischen. Hauptsache wir schwärmen aus. Im gleichen Geist.

Nun ist sie also die Fensterscheibe hoch und runter gelaufen. Die Biene in meinem Amtszimmer. Und wollte sich nicht beruhigen lassen. Ich hab sie angeschaut. Und gedacht. Was fehlt dir denn? Was brauchst du? Sie hatte Sehnsucht. Nach der Königin. Jedes Bienenvolk hat seine Königin. Ohne die geht gar nichts. An der Königin entscheidet sich alles. Sie ist Garant für das Leben. Da hab ich mir gedacht. Ist ja bei uns Christen genauso. Wir haben einen König. Jesus Christus. Der Gesalbte. König aller Könige. Herr aller Herren. Er verfügt über alle Vollmacht. Im Himmel. Und auf Erden. Ohne ihn geht gar nichts. Und was ohne ihn gehen soll. Das wird nichts Richtiges.

Wir sind das Gottesvolk. Und haben einen König. Genauso wie das Bienenvolk. Sie haben eine Königin. Wonach richte ich mein Leben aus? Meinen Glauben? Nach menschlichen Autoritäten? Niemals. Ich richte mich aus nach dem, was mein König sagt. Jesus Christus. Was geschrieben steht. In der Heiligen Schrift. So machen es die Bienen. Die Königin ist ihre Mitte. So bleiben sie ein lebendiges Volk. Bereit zum fröhlichen Dienst. So machen es Christen. Jesus, unsere Mitte. So bleiben wir ein frohes Gottesvolk.

Die Biene in meinem Amtszimmer. Ich hab sie angeschaut. Mit der Zeit wurde sie ruhiger. Saß still an der Gardine. Und wieder die Frage: Was fehlt dir denn noch? Was brauchst du? Gemeinschaft im Bienenvolk. Der Dienst mit anderen. Die Liebe zur Königin. Und jetzt noch das Vierte. Ist auch ganz wichtig. Bei Bienen. Und bei Christen. Kommunikation. Austausch. Verständigung. Bienen sprechen nicht. Aber sie verständigen sich. Teilen einander mit, wo reichlich gute Nahrung zu finden ist. Dann fliegen sie zu ihrem Stock. Und tanzen die Botschaft. Sie tanzen vor den Anderen. Und die verstehen die Botschaft. Zum Glück bin ich keine Biene. Sonst müßte ich sonntags die Predigt tanzen. Das würde nicht so gut aussehen. Christen können aber reden. Und können hören.
Haben Mund und Ohren. Die Predigt am Sonntag. Ist das Eine. Hat manches Gute. Aber noch viel besser ist das im Alltag. Wenn Frauen und Männer und Kinder von ihrem Glauben reden. In einfacher Sprache. Mit schlichten Worten.

Ich hab das mal erlebt. Bei einem 80. Geburtstag. Familie und Gäste saßen im Saal. Abendbrotzeit. Das Essen wurde herein getragen. Die ersten Angeheiterten standen schon auf. Stürzten sich drauf. Kartoffelsalat und Schnitzel und andere schöne Sachen. Die Jubilarin erhob sich vom Platz. Klopfte ans Glas. Und fing an zu reden. Meine lieben Gäste. Ihr dürft euch alle satt essen. Aber zuerst will ich ein Gebet sprechen. Wir wollen dem Herrn danken. Daß er mich behütet hat. So viele Jahre lang. Dann hat sie ihr Gebet vorgetragen. Alle hörten betroffen zu. Es wurde ganz still im Raum. Sogar die Schnitzelhelden verstummten. Es entstand heiliger Raum. Als wäre der Geist Gottes anwesend. Und das war er auch. Sowas wirkt tiefer als jede geschliffene Sonntagspredigt. Bei den Bienen gibt es keine hauptamtlichen Predigtbienen. Jede Einzelne gibt ihre Botschaft tanzend weiter an die Anderen. Alle sind priesterlich. Das ist Kommunikation. Austausch. Verständigung.

Was aus der Biene geworden ist? Die mich besucht hat. In meinem Amtszimmer. Ich hab ein Wasserglas geholt. Und ein Stück Pappe. Hab die Biene vorsichtig von der Gardine weg ins Glas geschoben. Mit dem Pappdeckel zugehalten. Und bin nach draußen. In den Garten. Richtung Kirschbaum. Dort hab ich sie freigelassen. Im Nu war sie verschwunden. Eingetaucht in ihr Bienenvolk. Und Ende Juni. Da durfte ich mich freuen. Über süße, schwarze Kirschen. Der ganze Baum hing voll. Gottes Segen. Im Überfluß.

Am Pfingsttag waren alle versammelt. Plötzlich ertönte vom Himmel ein Brausen wie das Rauschen eines mächtigen Sturms und erfüllte das Haus, in dem sie versammelt waren.