12.08.2020
Nahum: Zorn oder Liebe?

Ist Zorn die Kehrseite von Gottes Liebe?
Diese Frage stand am vergangenen Sonntag beim Abendgottesdienst in Bad Liebenstein im Raum. In einer Dialogpredigt führten Pfarrerin Stephanie Reinhardt aus Roßdorf-Wernshausen und Isabell Liebaug, Leiterin der Kreisdiakoniestelle Bad Salzungen, darüber eine Diskussion, die immer mehr zur Abgrenzung führte. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sich Gott im Buch Nahum in Rache und Vergeltung suhlt. „Warum ist das so?“ und „Wie kann Gott so etwas sagen? Ein Gott, der doch eigentlich gnädig und barmherzig ist?“ Um eine Antwort ringen die Beiden. „Vielleicht ist es Nahums Erklärung für das erlebte Leid, seine Sehnsucht nach der Gerechtigkeit Gottes. Gott übt Vergeltung an seinen Feinden, was zugleich zur Hilfe und Rettung für die Unterdrückten wird. So kann Nahum zumindest an seinem Glauben festhalten.“, wirft Isabell Liebaug als eine Erklärungsmöglichkeit ein.

„Oder aber Gottes Zorn ist die Kehrseite seiner Liebe.“, überlegt Pfarrerin Reinhardt. „Schau doch mal: Wenn du zornig bist, dann ist das doch nicht dein einziges Gefühl. Und am meisten wütend bist du, wenn dich jemand verletzt, den du magst. Da gibt es doch auch so ein Sprichwort: Je größer die Liebe, desto größer kann der Hass werden. Vielleicht ist Gott zornig, weil er uns liebt. Und enttäuscht ist, wenn wir uns von ihm abwenden.“, erklärt sie.

„Für mich ist Nahum einfach gefangen in einem Strudel aus Gewalt und Gegengewalt. Darauf möchte ich mich nicht einlassen. Einen solchen Trost brauche ich nicht. Vielmehr sehne ich mich nach Gottes Liebe und einer Gerechtigkeit, die ohne neue Opfer auskommt und die mich nicht zum Täter werden lässt.“, erläutert Isabell Liebaug

So oder so – den ersehnten endgültigen Frieden können Nahums Worte nicht geben. Es bleibt ein Ringen, Suchen und Hinterfragen.

Um den Schutz der 54 Besucher und unter anderem Kurgäste zu gewährleisten, wurde auf das gemeinsame Singen verzichtet. Stattdessen berührte mit Gesang und Keyboard Pfarrerin Reinhardt die Herzen der Besucher mit dem Lied „Herr, ich komme zu dir“.

Dorothee Willer aus Schweina bereicherte mit Orgel und Gesang den Gottesdienst.

Aufgrund der aktuell geltenden Hygieneregeln musste leider auf den anschließenden Imbiss verzichtet werden. Die Besucher verweilten nach dem Gottesdienst bei schönstem Wetter und dem ein oder anderem Gespräch vor der Kirche.


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 Von Links: Pfarrerin Stephanie Reinhardt aus Roßdorf-Wernshausen und Kreisdiakoniestellenleiterin Isabell Liebaug bei der Dialogpredigt in der Friedenskirche Bad Liebenstein. © Julia Otto