28.09.2020
Ein Pilgerpaket für den Ruhestand

Dr. Ulrich Lieberknecht ist aus seinem Amt als Superintendent des Kirchenkreises Bad Salzungen-Dermbach verabschiedet worden. Der Gottesdienst in der Stadtkirche Bad Salzungen, bei dem er Abschiedsgeschenke und Dankeswort entgegennehmen durfte, markierte den Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Als Dr. Ulrich Lieberknecht zum ersten Mal nach Heygendorf kam, fiel ihm nicht nur die marode Kirche auf, sondern ein riesiges Schild auf dem ebenfalls in die Jahre gekommen Dorfplatz. „Die Lehre des Marxismus-Leninismus ist allmächtig, weil sie wahr ist“, stand darauf, weiß auf rot. „Da wusste ich instinktiv: Hier bin ich richtig. Hier braucht es jemanden, der von der Wahrheit des Evangeliums redet. Hier braucht es den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, sagte er mit Blick auf den Februar 1983.

Das Evangelium zu verkünden, für den Glauben einzustehen, war fortan die Lebensaufgabe des Theologen und Musikers. Nach dem Studium an der Kirchlichen Hochschule Naumburg absolvierte er sein Vikariat in Heygendorf, einem Dorf im Kyffhäuserkreis, übernahm dort seine erste Pfarrstelle, erlebte dort die friedliche Revolution und die politische Wende. 1991 wechselte er in das Pfarramt in Neuhaus-Schierschnitz im Kirchenkreis Sonneberg, wo er 18 Jahre lang wirkte, bis ihn der Ruf des Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach ereilte. Im Juni 2009 wurde Ulrich Lieberknecht zum Superintendenten gewählt, im November 2009 in das Amt eingeführt. Er blieb elf Jahre und damit sogar ein Jahr länger als es die Berufungszeit von zehn Jahren vorsieht.

Doch jetzt ist Schluss: Für Ulrich Lieberknecht beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Bei einem Gottesdienst in der Stadtkirche St. Simplicius Bad Salzungen am Samstagabend ist er offiziell in den Ruhestand verabschiedet worden. Nachdem Oberkirchenrat Michael Lehmann die Urkunde vom Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, verlesen hatte, sprach ihn Regionalbischof Tobias Schüfer von seinen dienstlichen Pflichten frei und nahm das Amtskreuz zurück.

 

Spuren hinterlassen

Und er erinnerte an das Wirken des Superintendenten, das Spuren hinterlassen werde. An die von ihm eingeführten Abendgottesdienste im Sommer und das 17-Sekunden-Gebot im 500. Jahr der Reformation, zum Beispiel. „Mir ist auch der Strategieprozess in Erinnerung, der den Kirchenkreis noch weiter beschäftigen wird. Und dass es ein sehr intensives Ringen darum gab, was Leitung bedeutet. Auch das wird mit Ihrem Namen verbunden sein“, sagte der Regionalbischof. Auch der Präses des Kirchenkreises, Hans-Martin Gerhardt, erinnerte an all jene Aufgaben, die über die Verkündigung des Evangeliums hinaus gehen, wie die Finanz- und Stellenplanung. „Sie haben sich der Aufgaben gestellt, auch wenn manche Entscheidung schwer zu vertreten waren“, sagte er.

In seiner letzten Predigt blickte Ulrich Lieberknecht auf seine Stationen zurück. Auf eben jene besondere Ankunft in Heygendorf und die insgesamt 37 Dienstjahre. „Der Geist der Furcht wollte so manches Mal die Oberhand gewinnen, der Geist der Verzagtheit, der Geist der Resignation“, sagte er. Ohne Umwege skizzierte er die Probleme der Kirche, die sinkenden Mitgliederzahlen, die Stellen, die nicht besetzt werden können und auch die Zerreißprobe der Pfarrer und Mitarbeiter untereinander, wenn konträre Ansichten zu gesellschaftlichen Fragen und politische Einstellungen aufeinander prallen. Er befürchtet, „dass wir über den Routinen nicht erkennen, was Gott eigentlich tun will. Fragen wir uns noch, wo Gott arbeiten will in uns, in unsrem Kirchenkreis und darüber hinaus?“. Lieberknechts Wunsch, wie schon zu Beginn seiner Arbeit: Auf die Kraft des Evangeliums setzen.  

 

Familie im Blick

Er dankte er seinen Mitarbeitern und Wegbegleitern für den Dialog, die Ermutigung und auch die Kritik. „Ich gehe aus eurer Mitte als ein Beschenkter“, resümierte er. Ein besonderer Dank galt seiner Frau Ulrike. „Niemand hat mich so lange begleitet wie du. Du bist alle Stationen mitgegangen und hast mir den Rücken freigehalten. Du hast gezeigt, wie tragisch es ist für unsere Kirche, dass die Rolle einer Pfarrfrau auf der roten Liste der bedrohten Arten steht“, sagte Lieberknecht, der auch um Vergebung und Nachsicht bat. Auch dabei rückte er seine Frau und seine Kinder in den Fokus: „Der Pfarrberuf ist eine schwierige Gratwanderung zwischen Dienst und Familie. Ich weiß, dass ich dabei manches Mal gestrauchelt bin.“

Nach dem Gottesdienst, der vom Doppelquartett und dem Bad Salzunger Stadtkantor Hartmut Meinhardt musikalisch begleitet wurde, bekamen Wegbegleiter die Chance, Grußworte zu sprechen. „Sie haben der Kirche eine Stimme gegeben in unserer Stadt und dem Kirchenkreis, die manchmal unbequem war. Sie haben wachgerüttelt und dafür gesorgt, dass die Kirche wieder sichtbar ist in der Öffentlichkeit, auch bei Nichtchristen“, sagte Bad Salzungens Bürgermeister Klaus Bohl (Freie Wähler).

Der Dekan des Kirchenkreises Schmalkalden, Ralf Gebauer, erinnerte indes an die fruchtbare Zusammenarbeit, etwa bei der Landesgartenschau in Schmalkalden oder im Aktionsnetzwerk Lutherregion. Die Freikirchliche Evangelische Gemeinde bedankte sich für das ökumenische Miteinander. „Ihre Gottesdienste waren immer ein Genuss. Sie haben immer eine Botschaft mitgegeben“, lobte der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Bad Salzungen, Andreas Jung.

 

Gepackte Kartons

Einen musikalischen Abschiedsgruß hatten Lieberknechts Amtskollegen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland vorbereitet. Sie gaben das Rennsteig-Lied, umgedichtet auf die Stationen des 62-Jährigen, zum Besten. Und Pfarrer Roland Jourdan und Pfarrerin Franziska Freiberg übergaben ein Pilgerpaket, in dem unter anderem ein Pilgertagebuch, ein Bildband über Elisabeth von Thüringen und Wanderutensilien nicht fehlen durften. Diese und viele weitere Geschenke gilt es jetzt in Umzugskartons zu verstauen. Das Ehepaar zieht schon in wenigen Tagen nach Marburg um, wo eines ihrer vier Kinder lebt. „Wir finden die Stadt genial, nicht zu groß, nicht zu klein. Sie hat alles, was man im Alter noch brauchen könnte“, sagte der Theologe über den Abschied aus der Kreis- und Kurstadt.

Im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach hat derweil die Nachfolgersuche begonnen. Der Nominierungsausschuss arbeitet bereits im Hintergrund und wird voraussichtlich im Januar 2021 einen Wahlvorschlag präsentieren. Nachdem sich die Bewerber öffentlich präsentiert haben, kommt eine Sonderkreissynode zur Wahl zusammen. Der neue Superintendent könnte seine Arbeit dann in den Sommermonaten beginnen. Bis es soweit ist, übernehmen Alfred Spekker und Franziska Freiberg die Vakanz.

 

(Gastbeitrag von Susann Eberlein)


Mehr Fotos

 Verlesen der Urkunde: Oberkirchenrat Michael Lehmann. © Julia Otto  Liturgie/Segen und Ankündigungen: Pfarrer Dietmar Schwesig. © Julia Otto  Verabschiedung: Regionalbischof Tobias Schüfer. © Julia Otto  Predigt: Superintendent Dr. Ulrich Lieberknecht. © Julia Otto  Dankesworte: Präses Hans-Martin Gerhardt. © Julia Otto  Abschiedsworte von Bürgermeister Klaus Bohl (Freie Wähler). © Julia Otto  Dekan des Kirchenkreises Schmalkalden, Ralf Gebauer. © Julia Otto  Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Bad Salzungen, Andreas Jung. © Julia Otto  Alfred Spekker und Franziska Freiberg übernehmen die Vakanz. © Julia Otto  Von links:Pfarrer Roland Jourdan und Pfarrerin Franziska Freiberg übergaben ein Pilgerpaket an Dr. Ulrich und Ulrike Lieberknecht. © Julia Otto