19.11.2025
Bewegendes Oratorium über das Leben von Dietrich Bonhoeffer

Der Volkstrauertag lenkt jedes Jahr unseren Blick auf die unzähligen Opfer der Kriege. Dieses Jahr steht zudem im Zeichen des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren, nämlich am 8. Mai 1945. Nur einen Monat vorher, am 9. April, wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer von den Nazis im KZ Flossenbürg hingerichtet.

Seinem Leben und Wirken widmet sich ein Liedoratorium von Matthias Nagel, das unter der Leitung von Bezirkskantorin Barbara Matthes am Samstag in der Johanneskirche in Vacha und am Sonntag in der Auferstehungskirche in Bebra mit großem Erfolg aufgeführt wurde.

Es handelt sich dabei nicht um ein Oratorium im klassischen Sinne. Zwei Sprecher legten eindrücklich dar, wie Bonhoeffer gegen die unmenschliche Ideologie des Nationalsozialismus öffentlich Stellung bezog, Solidarität mit den verfolgten Menschen jüdischen Glaubens forderte, auch mit der Kirche haderte und sich aktiv am Widerstand gegen Hitler beteiligte. Die Texte von Dieter Stork, die auch Zitate Bonhoeffers enthielten, dienten gewissermaßen als Anmoderation für die jeweils folgenden Lieder. Der Projektchor aus mehr als 30 Sängerinnen und Sängern aus dem Kirchenkreis Hersfeld-Rotenburg und der Stadt Vacha griff unter dem engagierten Dirigat von Barbara Matthes die jeweiligen Stimmungen auf - exakt abgestimmt auf die Begleitung eines 10-köpfigen Instrumentalensembles, das sich aus Musikern aus Osnabrück, Homberg, Dresden und Eisenach zusammensetzte.

Das Oratorium überzeugte durch eine große Bandbreite an Stilrichtungen. So gab es Pop-Balladen, ein Friedenslied, Protestsongs, gregorianische Klänge. Für Spannung und große Aufmerksamkeit sorgte der Wechsel von innigen Weisen und eindringlichem Flüstern, von leichten, unbeschwerten Klängen und melancholisch, schwermütigen Stimmungen, von eingängigen Kanons und fast gehetztem Sprechgesang oder gar lautem Rufen. Die Liebe Bonhoeffers zu der jungen Maria von Wedemeyer, die während seiner langen und schweren Zeit in verschiedenen Haftanstalten überwiegend durch einen intensiven Briefwechsel lebte, spiegelt sich in rührenden Liebesliedern wider.

Für Abwechslung sorgten auch dialogische Partien, Echo-Einwürfe von kleinen Chorgruppen oder die Dramaturgie des Chorals „Von guten Mächten“. Die ersten Strophen dieses von Bonhoeffer zum Jahreswechsel 1944/45 für Maria und seine Eltern geschriebenen Gedichtes, wurde von Solo-Gruppen einfühlsam vorgetragen, bevor die letzten Strophen wieder der gesamte Chor übernahm.

Sprecher- und Liedtexte brachten dem Publikum Bonhoeffers Gefühlswelt nahe, wenn er beispielsweise auffordert „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“ oder sich fragt, ob die Kirche auf dem richtigen Weg ist („Wenn man in einen falschen Zug einsteigt, nützt es nichts … , wenn man im Gang entgegen der Fahrtrichtung läuft!“). Das Zusammenspiel von Trommel und fast stotterndem gleichtönigen Gesang, das Bonhoeffers Weg zum Galgen thematisiert, sorgte für ganz besondere Betroffenheit.

Vielleicht hat auch die bedrückende Aktualität des Oratoriums dazu beigetragen, dass es einen ganz besonders tiefen Eindruck bei Publikum und Mitwirkenden hinterlassen hat. Bei dem abschließenden lautstarken, von den Klängen der Orgel unterstrichenen Amen, der folgenden Stille und dem beginnenden Glockengeläut war diese Betroffenheit zum Greifen nah.

Erst als der letzte Glockenschlag verklungen war, setzte anhaltender Applaus ein, der sicher auch von der Hoffnung und dem Geist der Versöhnung in Bonhoeffers Sinne getragen war.

Carola Finke


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  Anja Junge